So, 11.05.2008

Formel 1 - Türkei GP - König von Istanbul

Aus Drei wurden Zwei

Vorsichtig, nicht aggressiv sei McLaren in der Türkei ans Werk gegangen. Am Ende jubelte erneut Rot.
© Ferrari Press Office

Motorsport-Magazin.com - Es ist eine Männerfreundschaft der ganz besonderen Art. Auf den ersten Blick haben sie nicht viel gemeinsam, der junge, hitzige Brasilianer und der erfahrene, typisch deutsche Rekordchampion. Aber Felipe Massa wird von Michael Schumacher gelobt, als Sieg- und Titelanwärter ins Spiel gebracht. Michael Schumacher wird wiederum von Felipe Massa als Lehrmeister gefeiert, immer wieder an ihn erinnert. In Istanbul schaffte Massa das, was zuletzt seinem Lehrer vorbehalten war: der dritte Sieg auf ein und derselben Strecke - und das in Serie und obendrauf jedes Mal von der Pole Position.

Es ist nicht richtig, zu sagen, dass wir dominieren, denn wenn man sich die Weltmeisterschaft ansieht, dann ist die Situation sehr knapp.
Stefano Domenicali

Nach den Fehlern und der vernichtenden Kritik der ersten Saisonrennen war das Balsam auf die brasilianische Seele. Selbst sein alter Wegbegleiter und Technikdirektor Ross Brawn sagte in Istanbul offen, er hätte nicht gedacht, dass Massa mit Räikkönen mithalten könne. Doch Massa zeigte es den Kritikern auf seiner Lieblingsstrecke und kassierte die Streicheleinheiten seines Teamchef Stefano Domenicali. Massa war sogar an einer Seltenheit, einer wahren Rarität der modernen Formel 1 beteiligt: einem Überholmanöver im Kampf um den Sieg. Das erste seit Ewigkeiten. Allerdings wurde Massa von Hamilton überholt... Gewonnen hat er trotzdem. Das gehört zu den weniger seltenen Erkenntnissen der Formel 1: es gewinnt nicht immer der, der überholt. Die Strategie entscheidet.

So wusste Kimi Räikkönen schon nach dem Qualifying, dass es für ihn schwer werden würde, das Rennen zu gewinnen. Eigentlich hatte er schon am Donnerstag eine Vorahnung. "Es geht so eng zu, dass es einen schmerzt, wenn man ein Training verliert." Genau das geschah dem Finnen am Freitagmorgen wegen eines Getriebeproblems. Dennoch: fünf Rennen, vier Siege - schnell kommt das Wort der Ferrari-Dominanz in den Sinn. Stefano Domenicali will davon nichts wissen. "Es ist nicht richtig, zu sagen, dass wir dominieren, denn wenn man sich die Weltmeisterschaft ansieht, dann ist die Situation sehr knapp." Istanbul habe gezeigt, dass McLaren sehr nahe dran sei. Sie hätten sogar ihre Philosophie geändert und seien in Qualifying wie Rennen aggressiver zu Werke gegangen.

McLaren war Ferrari dicht auf den Fersen. © Bridgestone

Das hatte jedoch einen Grund: McLaren musste bei Lewis Hamilton sicherheitshalber drei Stopps einlegen, um die Reifen nicht überzustrapazieren. "Wir mussten auf Pole fahren, um den Nachteil zu minimieren", sagte Martin Whitmarsh. Christian Danner sah das genauso: "Hamilton hat das Rennen im Qualifying verloren." Der Brite bestätigte diese Analyse: "Von der Pole Position wäre heute vielleicht sogar der Sieg möglich gewesen." Etwas Positives sah man bei McLaren trotzdem: "Wir hätten Ferrari schlagen können", ist Whitmarsh überzeugt. Nicht nur mit Hamilton, auch Heikki Kovalainen hätte ohne seinen Reifenwechsel nach der ersten Runde Siegchancen gehabt. Whitmarsh ist sich aber sicher, dass Kovalainen dieses Versäumnis noch in dieser Saison nachholen wird.

Die verbesserte Form der Silbernen macht Danner daran fest, dass McLaren endlich einmal alles auf die Reihe gebracht und keine Fehler gemacht habe. BMW Sauber spielte im Konzert der beiden Großen in der Türkei keine Rolle. "McLaren und Ferrari waren Kopf an Kopf", analysierte Niki Lauda. "BMW Sauber ist hier streckenbedingt zurückgefallen." Dem musste Mario Theissen zustimmen. "McLaren war hier schneller als wir", gestand er. Aber als allgemeingültig sieht er diese Aussage noch nicht an. Für ihn ist die WM noch immer ein Dreikampf. "Im Rennen war das nicht so, aber das war uns schon am Samstag klar", so Theissen. McLaren sei nur innerhalb eines Rahmens schneller gewesen, der sich von Strecke zu Strecke verändern könne. Gemeint ist die Nutzung der Reifen, vor allem bei veränderten Streckenbedingungen, sprich gestiegenen Temperaturen, wie während des Qualifyings am Samstag.

Wenn du vor ihnen fährst, sind sie nicht schnell genug, um dich auf der Strecke zurück zu überholen.
Norbert Haug

"Sagen wir es so: vielleicht war McLaren hier nicht mehr so schlecht wie bei den Rennen zuvor", setzte Danner seinen Gedankengang fort. "Beim Standardniveau liegen Ferrari und McLaren fast gleichauf, BMW Sauber dahinter. Wenn McLaren etwas verkehrt macht, dann ist BMW davor." Und selbst Ferrari darf sich nicht zu sehr in Sicherheit wiegen, schon gar nicht vor dem Rennen in Monaco, wo die Roten letztes Jahr Probleme hatten und ohnehin alles möglich ist. "Ferrari ist insgesamt am schnellsten", gibt Norbert Haug zu, "aber wenn du vor ihnen fährst, sind sie nicht schnell genug, um dich auf der Strecke zurück zu überholen." Bislang reichte ihnen dazu der Konter an der Tankstelle.

Die 5 Fragezeichen

Was war das Problem mit Hamiltons Reifen?
Schon 2007 hatte Lewis Hamilton Reifenprobleme in Istanbul, im Rennen löste sich sogar die Lauffläche seines rechten Vorderreifens. Obwohl Bridgestone die Konstruktion veränderte, zeigten sich an Hamiltons Reifen auch dieses Jahr noch kleine Reifenfehler. Reifenhersteller und Team begründeten das mit seinem einzigartigen Fahrstil, der den rechten Vorderreifen in Kurve 8 besonders belaste - mehr als alle anderen Fahrer. Selbst Teamkollege Heikki Kovalainen hatte mit dem gleichen Material keine Reifenprobleme.

Lewis Hamilton musste gleich dreimal an die Box. © Sutton

Um die Sicherheit des Fahrers nicht aufs Spiel zu setzen, machte Bridgestone dem Team zwei Vorschläge: mit mehr Reifendruck zu fahren oder eine Zweistoppstrategie mit 20, 18 und 20 Runden pro Stint zu wählen. Letzteres war die bevorzugte Variante der Japaner, die das Team bei Kovalainen einsetzte. Hamilton setzte man auf eine Dreistoppstrategie. "Wir hätten hier mit keinem Auto drei Stopps gemacht, wenn wir es nicht gemusst hätten", verriet Martin Whitmarsh. "Denn mit beiden Autos hätten wir mit einer konventionellen Zweistoppstrategie eine Siegchance gehabt." Das Problem trat bei Hamilton sowohl bei den weichen als auch den harten Reifen auf, da es sich nicht auf die Mischung, sondern die Konstruktion bezog. Die Bedenken wegen der Reifen waren auch der Grund, warum man Heikki Kovalainens Strategie nach dem Startzwischenfall mit Kimi Räikkönen und dem folgenden Boxenstopp nicht von zwei auf einen Stopp umstellte.

Wie hat BMW Sauber die Starts verbessert?
Nach wenig geglückten Starts bei den letzten Rennen hat BMW Sauber in die Trickkiste gegriffen: "Wir haben das Mapping verändert und am Eingriff von Kupplung und Gas gearbeitet", verriet Mario Theissen. So kamen Robert Kubica und Nick Heidfeld beide besser weg und machten auch beide Positionen am Start gut. "Es wäre beinahe sogar noch mehr möglich gewesen, aber dafür war zu viel Verkehr und es wäre zu riskant gewesen, gegen Webber innen reinzustechen", sagte Heidfeld. Kubica enthüllte derweil, dass man auf Kupplungseinstellungen aus den Wintertests zurückgriff, die auch in Australien zum Einsatz gekommen waren. "Mit diesem Start wäre ich in Barcelona locker aufs Podium gefahren."

Mit diesem Start wäre ich in Barcelona locker aufs Podium gefahren.
Robert Kubica

Wer löste die Startkollision aus?
Wie bei fast jedem Rennen krachte es auch in Istanbul in der ersten Runde. "Es gab in der ersten Kurve ein wenig Verwirrung, ich denke, ich wurde von einem Auto berührt und habe drei Plätze verloren", sagte Jarno Trulli, der dem großen Durcheinander am Ende des Feldes jedoch fern blieb.

Dort wusste Kazuki Nakajima selbst nicht, wie ihm geschah. Plötzlich flog der Force India von Giancarlo Fisichella über den Williams hinweg. "Ich folgte den Autos vor mir in die erste Kurve, habe meine Linie nicht verändert und plötzlich wurde ich von hinten getroffen", beschrieb der Japaner. Die Unfallursache machte Fisichella in einem doppelten Spurwechsel von Sebastien Bourdais aus. "Ich hatte einen guten Start, aber dann hat er beim Anbremsen zweimal die Linie gewechselt und ich konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und fuhr dem Williams ins Heck."

Nakajima sah Fisichella nicht heranfliegen. © Sutton

Warum war Vettel so oft an der Box?
War die Dreistoppstrategie bei McLaren schon ungewöhnlich, so waren es die vier Stopps von Sebastian Vettel erst recht. Für Vettel waren es nach vier Ausfällen in den Anfangsphasen der ersten vier Rennen übrigens die ersten Boxenstopps des Jahres, allerdings stoppte er nicht so oft, weil er etwas nachzuholen hatte. Der erste Stopp ging auf die Startkollision zurück, bei der er sich einen Reifenschaden eingehandelt hatte. Dann floss bei seinem ersten planmäßigen Stopp kein Sprit. Also musste Vettel gleich noch mal rein zum Nachtanken. Das kostete ihn laut Teamchef Franz Tost 20 Sekunden. Der vierte und letzte Stopp war sein ursprünglich zweiter geplanter Boxenstopp. Übrigens gab es auch Tankprobleme bei Teamkollege Bourdais, bei ihm konnte jedoch sofort auf die Ersatztankanlage zurückgegriffen werden.

Warum war Rosberg im Zweikampf verwirrt?
Als plötzlich Heikki Kovalainen im Rückspiegel von Nico Rosberg auftauchte, wusste der Williams-Pilot nicht genau, was er tun sollte. "Das Team war sich nicht sicher. Sie haben mir erst einmal gar nix gesagt", berichtete der Deutsche. Es kam dann lediglich die Information, dass Kovalainen hinter ihm sei, worauf Rosberg fragte, ob er kämpfen oder ihn vorbeilassen solle? "Sie haben mir gesagt, sie wüssten es nicht, aber es ginge um den letzten Punkt. Also habe ich gekämpft." Gegen den McLaren hatte er jedoch keine Chance. "Er musste aber doch noch einmal rein und das war dann okay."

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23 Leser-Kommentare
am 16. Mai um 12:47 Uhr
krp1:
So ein Quatsch. Das war keine Absicht von Massa, der kanns einfach nicht besser...ich wage zu behaupten, dass Kimi Hamilton länger aufgehalten hätte. Massa ist gut, wenn er freie Fahrt hat, dass er (bisher) nur aus der 1. Startreihe gewinnen kann ist ein Beweis dafür. Ein (zugegebenermassen schneller) Schönwetterfahrer eben.
am 14. Mai um 18:34 Uhr
Kimifan87:
1. Warum erwähnen alle immer nur, dass nur Michael Schumacher 3 Rennen auf der gleichen Strecke gewonnen hat ? Schon vergessen, dass Kimi schon 3 mal in Spa gewonnen hat ? 2. Massa hat natürlich Hamilton mit Absicht vorbeigelassen. Es geht nicht darum, dass er nicht gegen Hamilton gehalten hat, sondern dass er Tür für einen Angriff offen gelassen hat. Das hat sogar Marc Surer mitbekommen. Massa hat Hamilton quasi eingeladen. Dass er nicht reinzieht, wenn Hamilton neben ihm ist, ist ja klar. Wie gesagt, es geht um die Situation davor.
am 13. Mai um 23:14 Uhr
giri67: MASSA HAT VERDIENT GEWONNEN
aber da ist schon was dran an der Geschichte mit dem vorbeilassen: kova war mehr als eine sekude schneller un sass trotzdem mehrere runden hinter dem 13ten befor er vorbeikam...Massa ist kein dummer Junge und versteht von taktik. Istanbul war für mich der beweis. Egal haupsache die Welt ist ROOOOOOT
am 13. Mai um 21:37 Uhr
Rennfreund: @slobnok,
nein dich meinte ich nicht, dazu hast du eine zu neutrale Einstellung als das ich darauf reagieren würde wenn du was schreibst. Es gibt hier aber gewissen Leute die meinen alle anderen Fahrer kritisieren zu müssen, teilweise sogar schlecht hin zu stellen als wären sie die größten Loser, nur das eigene Idol ist sozusagen ein "Übergott" und einzig und alleine Perfekt. Bei solchen Menschen reagiere ich dann eben entsprechend ;-)
am 13. Mai um 21:24 Uhr
ceniza: jeder F1 Pilot
ist ein egoist, und davon kann sich auch ein Massa oder Raikkoenen nicht frei sprechen. Vielleicht versuchen sie, es so weit wie moeglich unter ihrem Family Maentelchen zu verbergen, aber wer das geschaefft der F1 auch nur ansatzweise kennt, weiss dass auch sie zu der Riege gehoeren. Hoert mir doch auf mit teamplayer. Alle die diesen ausdruck tragen, werden durch ihre wassertraeger - Rolle in dieses chema gedraengt.
am 13. Mai um 20:37 Uhr
slobnok: @rennfreund
falls du mich meinst in deinem kommentar (schliesslich hab ich ja von der indirekten kritik angefangen) - ich kann mich ja täuschen, mir kam dsas nur so vor. dass massa ein teamplayer ist sagte ich schon
am 13. Mai um 20:26 Uhr
Rennfreund:
Nur weil es Fahrer wie einen gewissen Herrn Alonso gibt, der keinem anderen das schwarze unterm Fingernagel gönnt, dem das Wörtchen Teamplayer im Wortschatz komplett fehlt und ansonsonsten zu heulen anfängt wenn er nicht nach vorne gelassen wird, muß man das nicht auch auf andere Fahrer implizieren. Massa hätte gar nicht dagegen halten können in Istanbul, sonst hätte es gekracht. Withmarsh hat Hamilton angewiesen das er Massa überholen soll und da wäre kein Auge trocken geblieben, hätte Massa dagegen gehalten. Er ist klever und ohne Risiko im Zweikampf gefahren und in dem Moment denkt man beim Racing sicher nicht an seinen Teamkollegen, da hat man im Bruchteil einer Sekunde sicher anderes im Sinn! Ich frage mich woher man wissen sollte wie Domenicali das gemeint haben will. Ich würde das eher so deuten das er ein bisschen entteuscht war das es nicht zum Doppelsieg gereicht hat und da der Wunsch, das Massa den Hamilton noch ein zwei Runden aufhalten hätte könne, der Vater der Gedanken war. Domenicali ist aber erfahren genug um zu wissen das Hamilton in dieser Phase mit dem leichten Auto viel zu schnell war, als das Massa ihn noch hätte aufhalten können. Wer das nicht gesehen hat, der muß doch blind sein...
am 13. Mai um 17:05 Uhr
ceniza: vielleicht
muss man ja a bissl egoist sein, um in der formel 1 triumphieren zu koennen. ist doch auch nichts schlimmes. die F1 ist doch ein knallhartes geschaefft, und kein maerchenwald....ich koennte es dem massa noch nicht mal veruebeln, sollte er Ham extra zwischen sich und seinen teamkollegen befoerdert haben. Seien wir doch mal ehrlich, die wenigsten kommen mit mutter Theresa style an ihre ziele!
am 13. Mai um 16:50 Uhr
slobnok:
ich sehe massa auch nicht als den egoisten. er hat letztes jahr bewiesen, dass er ein team payer ist. den kommentar von seinem boss sehe ich aber schon als indirekte kritik. (kann mich auch täuschen, kommt auch mal vor :-) )
am 13. Mai um 16:38 Uhr
Formulaone:
Aus seiner eigenen Sicht hat Massa es perfekt gemacht, auch wenn ich dahinter keine Absicht sehe. Jetzt hat er 4 statt 2 Punkte auf Kimi gut gemacht. Und wegen der zwei Punkte sollte sich bei Ferrari niemand aufregen. Wenn Massa wirklich so egoistisch wäre, dann hätte er in Brasilien 2007 etwas langsamer gemacht und Alonso wäre heute Weltmeister.

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