Mi, 28.05.2008

GP2 - Kolumne - Bruno Senna

Der schönste Tag

Bruno Senna ist überglücklich. In Monaco holte er seinen ersten Sieg im Fürstentum und übernahm die Gesamtführung. Nur am Helm muss er noch feilen.
© Sutton

Motorsport-Magazin.com - Was für ein Super-Wochenende! Für mich war Monaco sicher der bisher schönste Tag meiner Karriere - dieser Sieg ist einfach etwas ganz Besonderes. Ich war am Freitag vor dem Start schon sehr zuversichtlich und deshalb auch ziemlich ruhig und entspannt - wobei ich das eigentlich meistens bin, bis auf die wirklich letzten fünf, sechs Minuten in der Startaufstellung, bevor es wirklich losgeht... Ich war mir sicher, dass wir ein sehr, sehr gutes Auto haben, dass ich die Pole Position nur durch den Verkehr in der Rascasse in meiner zweiten schnellen Runde verpasst hatte, und dass ich mit einem guten Start alle Chancen auf den Sieg hätte. Was auch geklappt hat, ich bin perfekt weggekommen, musste in der ersten Kurve gar nicht mehr extrem aggressiv fahren.

Ich bin perfekt weggekommen, musste in der ersten Kurve gar nicht mehr extrem aggressiv fahren.
Bruno Senna

Danach konnte ich erstmal wegziehen - und hatte dann eigentlich nur noch die eine große Schrecksekunde, als es diesen Stau in der Mirabeau gab und ich merkte, dass ich unter Gelb an Autos vorbeigefahren war, die da einfach nur standen und gar nichts mit dem Unfall zu tun hatten, wie ich ursprünglich gedacht hatte... Ich habe dann auch gleich über Funk nachgefragt, was ich machen soll, ob ich die wieder vorbeilassen soll, ich hatte schon Angst, dass das Ärger geben könnte. Aber das Team hat mich dann beruhigt, sie hatten Rücksprache mit der Rennleitung gehalten, und Charlie Whiting hatte gesagt, dass es kein Problem gebe...

Durch den Zwischenfall waren meine sechs Sekunden Vorsprung aber weg, Maldonado war wieder dran, hat auch Druck gemacht - aber ich konnte schon immer gegenhalten, hatte ihn unter Kontrolle. Aber ein leichtes Rennen war es trotzdem nicht, auch wenn es von außen vielleicht so aussah. Ich musste schon bis zum letzten Moment kämpfen und vor allem höllisch aufpassen, ja keinen Fehler zu machen - gerade auf dieser Strecke ist so was wahnsinnig schnell passiert...

Bruno Senna war am Freitag nicht zu stoppen. © Sutton

Gavin, mein Ingenieur, hatte mir kurz vor Schluss über den Funk noch gesagt, dass ich bis nach dem Ziel absolut konzentriert bleiben solle, damit nicht so etwas passiert wie bei Björn Wirdheim 2003, der das Rennen noch auf der Ziellinie gegen Nicolas Kiesa verloren hat, weil er zu früh gejubelt hat. Aber es war schon eine richtige Explosion von Gefühlen, diese Mischung aus riesiger Freude, Erleichterung und dem Wegfallen der Anspannung... Der schönste Moment war aber sogar noch ein bisschen später, als ich aus dem Auto gestiegen bin, bei der Siegerehrung meine Familie gesehen habe, meine Mutter, meine Schwester, sie alle umarmen durfte... Meine Mutter so glücklich zu sehen, hier auf dem Podium zu stehen, war toll... Einer der Offiziellen hat mir gesagt, ich solle doch bitte mit dem Champagner nur nach vorn spritzen und nicht nach hinten auf die Würdenträger. Er hat sich wohl auch daran erinnert, dass Ayrton bei seinem ersten Sieg in Monaco 1987 die Fürstenfamilie abgeduscht hat, was ein ziemlicher Bruch des Protokolls war. Ich kannte die Geschichte natürlich auch - aber ich hätte so etwas auch nicht vorgehabt...

Ich weiß natürlich, dass dieser Sieg bei vielen Leuten, gerade bei denen, die schon Ayrtons Triumphe in Monaco miterlebt haben, sehr viele Emotionen auslöst. Ich habe auf dem Weg zurück ins Fahrerlager in der Rascasse ein Ehepaar aus Brasilien getroffen, die haben beide geweint... Für mich ist es natürlich in erster Linie mein Erfolg, das, was ich selbst erreicht habe, aber ich habe kein Problem damit, wenn andere auch diese historische Seite sehen. Das ist Teil meiner Geschichte, meiner Familie - und ich kann und will das auch gar nicht verdrängen, ich kann damit, glaube ich, ganz gut umgehen...

Das ist Teil meiner Geschichte, meiner Familie - und ich kann und will das auch gar nicht verdrängen.
Bruno Senna

Mir hat dieser Erfolg sehr viel zusätzliche Motivation gegeben, jetzt noch härter zu arbeiten, damit es auch so weitergeht. Es ist mehr eine innere Genugtuung - Zeit, um nach außen so richtig zu feiern, das alles so richtig genießen, was da passiert ist, hatte ich bis jetzt immer noch nicht. Am Freitag Nachmittag war ich noch eine Zeitlang auf dem Boot, auf dem meine Familie diesmal untergebracht war - aber da stand noch der Samstag und das zweite Rennen bevor. Das habe ich dann mit dem fünften Platz und der Meisterschaftsführung auch noch gut hingekriegt. Am Sonntag hatte ich dann eine Menge PR-Termine und ein paar Meetings, der Tag war ziemlich voll, am Abend stand dann erst der traditionelle offizielle Siegerempfang im Sporting Club auf dem Programm.

Das war aber eine ziemlich formale, steife Veranstaltung, so richtig wohl gefühlt habe ich mich unter all den Honoratioren da nicht, ich kannte ja auch praktisch niemanden... Der Fürst war übrigens auch nicht da, den haben wir dann, nachdem wir ziemlich früh gegangen sind, bei Gerhard Berger getroffen... Der hatte uns zum Abendessen eingeladen, hatte bei sich eine ziemlich illustre Runde versammelt, da waren einige, auch Lewis Hamilton und Ron Dennis zum Beispiel. Am Montag war ich auch noch den ganzen Tag in Monaco, da waren Werbeaufnahmen für Sponsoren angesagt, wir haben auch einen neuen Spot für Embratel gedreht... Jedenfalls bin ich in der Nacht von Montag auf Dienstag glücklich um ein Uhr nachts zu Hause gewesen - und war erst mal ziemlich müde und kaputt.

Die ganze Familie jubelte mit Bruno. © Sutton

Aber jetzt geht es gleich mit dem Training weiter - und auch wenn wir bis zum nächsten Rennen in Magny Cours vier Wochen Pause haben, dazwischen ist noch der Test in Le Castellet, und ich werde mich sicher auch schon vorher mit dem Team zusammensetzten, damit wir weiterarbeiten, uns überlegen, wie wir das Auto für die nächsten Rennen noch besser machen können. Auch wenn mir viele Leute aus der Formel 1 zu meinem Sieg gratuliert haben - auch Bernie Ecclestone zum Beispiel, der ziemlich begeistert war - ich weiß ganz genau, dass ein Sieg allein mich nicht dahin bringt. Ich muss meine Leistung kontinuierlich bestätigen, weiter gewinnen. Ich bin aber überzeugt, dass ich das auch kann und freue mich schon auf die nächsten Rennen.

Ach ja - und auf meine "to-do-list" für nächstes Jahr Monaco kommt ganz groß: Einen neutralen weißen Helm kaufen - für die Wege mit dem Scooter dort. Am Mittwoch bin mich mit meinem normalen Rennhelm in der Hand von unserem Fahrerlager zu meinem Scooter gelaufen, um von dort aus ins Hotel zu fahren. Ich dachte, dass das am Mittwoch noch gehen würde - aber es war keine so gute Idee. Unten am Hafen an der Energy-Station haben mich die Massen dann endgültig überrannt - ich habe schon gefürchtet, ich käme da nicht mehr heil raus. Man lernt eben auch bei solchen Dingen immer noch dazu...

Euer Bruno Senna
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Schlagwörter: GP2, Monaco, Bruno Senna, iSport, Kolumne

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2 Leser-Kommentare
am 29. Mai um 21:20 Uhr
Lotus73:
Da hast Du vollkommen Recht Tyrell91. An diesem Ort, an diesem Datum, dass ist der absolute Hammer nach so langer Zeit. Sicherlich ist es Dein alleiniger Sieg. Aber es ist die Erinnerungen an einen wunderbaren Menschen, die die Emotionen in allen wieder auf Leben lässt. Ich bin mir sicher, dass Ayrton vor Stolz platzen würde. Ich kenne das Gefühl, wenn mein Sohn eine gute Platzierung in seinem Sport belegt, und ich stolz auf ihn bin. So geht es doch allen. Danke Bruno! Acelera Bruno!
am 28. Mai um 21:17 Uhr
Tyrrell91:
Vielen Dank Bruno! Ich spreche sicherlich im Namen all deiner Fans wenn ich sage, dass dieser Sieg wirklich ein wunderschöner und zugleich historischer Moment in der Geschichte des Motorsports ist. Wir freuen uns darauf, dich auf deinem weiteren Weg zu begleiten! Danke!
Bruno Senna
Bruno Senna

Der Name Senna verpflichtet. Bruno ist der Neffe des großen Ayrton und gibt genauso Gas wie sein berühmter Namensvetter. Nach der britischen F3 fährt er nun in der GP2.