Di, 03.07.2007

Polo Cup - Datenauswertung im Polo Cup

Zeit sichtbar machen

adrivo.com blickt hinter die Kulissen des VW Polo Cups. Wie können die Fahrer ihre Fahrweise analysieren?
© Volkswagen

Motorsport-Magazin.com - Der VW Polo Cup ist eine der besten Klassen für den Einstieg in den Automobilsport. Im Rahmen der DTM bietet sich für viele Talente ein optimales Umfeld, um im Motorsport Fuß zu fassen und sich für weitere Herausforderungen zu profilieren. Um Chancengleichheit zu gewähren wird in der gerne genannten Tourenwagen-Schule auf identischem Material gefahren. Alle Autos werden zentral vorbereitet und gewartet, befinden sich somit auf dem gleichen Stand. Außerdem werden die Fahrzeuge aus den verschiedenen Farbgruppen im Laufe der Saison untereinander gewechselt. Abgesehen von den Testfahrten zu Saisonbeginn gibt es keine Möglichkeit für die Fahrer sich durch private Testläufe einen Vorteil zu verschaffen.

Im Kampf um jedes Hundertstel spielt das Datarecording neben dem Talent der einzelnen Fahrer eine wichtige Rolle. "Aus physikalischen Größen machen wir mit Hilfe von Sensoren elektrische Signale", erklärt Ulrich Mesch, der Datenexperte im Polo Cup. "Es wird fast alles aufgezeichnet und am Computer in Zahlen, Linien und Diagramme umgewandelt." Den Fahrern bietet sich dadurch die Möglichkeit, ihre einzelnen Runden auf Fehler und Probleme hin zu analysieren, um ungenutztes Potenzial aufzuspüren. Dazu wird nach jeder Session ein Fahrer aus den besten Fünf ausgelost, dessen Daten allen anderen Piloten als Referenz zur Verfügung gestellt werden.

Abbildung 1: Datenblatt vom Norisring. Hohe Auflösung am Ende des Artikels. © memotec

"Im Polo Cup benutzen wir das Programm RaceStudio 2 von der Firma AIM. Dieses ist in dutzenden Sprachen verfügbar und somit für jeden Fahrer optimal zugänglich. Es ist Windows-basiert, damit kann eigentlich jeder umgehen. Viele haben diese Software schon im Kartsport genutzt", so Mesch. Aufgezeichnet werden die verschiedensten Daten. Angefangen bei der Geschwindigkeit über Lenkradstellung bis hin zu den Beschleunigungskräften. Auf dem PC wird alles sichtbar, was die Piloten des Polo Cups auf der Strecke anstellen. Die Aufgabe von Ulrich Mesch ist es, die Fahrer im Laufe der Saison in Sachen Datenauswertung auf ein Niveau zu bringen. Die Fahrleistungen der Fahrer werden Stück für Stück optimiert und spannender Motorsport entsteht. "Am Ende der Saison soll jeder Fahrer selbst bewerten können, wo er etwas falsch macht und andere Piloten besser sind als er."

Constantin Dressler zählt zu den erfahrensten Piloten im Markenpokal von Volkswagen. Der aktuelle Tabellenführer ist schon das dritte Jahr im Polo Cup unterwegs. "Für uns spielt die Datenauswertung eine wichtige Rolle, denn dadurch hat man eine Referenz zu den anderen Fahrern. Wir können sehen wo wir Zeit verlieren und vor allen Dingen, wie wir sie verlieren", sagt Dressler. "Besonders im zweiten oder dritten Jahr ist es wichtig sich die Daten ausführlich anzuschauen. Da kommt es auf jede Zehntelsekunde an." Nach den einzelnen Trainingssitzungen und Rennen sitzen die Fahrer oft mehrere Stunden vor dem Rechner. "Es kommt natürlich immer darauf an, wo man steht. Wenn man ganz vorne liegt, schaut man nur flüchtig auf die Daten, wenn man hinten ist, dann schaut man sie sich intensiver an. Man sollte jedoch nach jedem Training mindestens 45 Minuten an den Daten sitzen", so Dressler.

Problemstellen können bis ins letzte Detail aufgedröselt werden. Besonders deutliche Unterschiede am Fahrstil werden zwischen den Rookies und den erfahrenen Piloten deutlich. Selbst an Schaltvorgängen kann Ulrich Mesch etwas aussetzen. "Manche Rookies nehmen beim Schalten den Fuß komplett vom Gas. Das kostet Geschwindigkeit und Zeit." Die Unterschiede sind krass. Während manche Piloten innerhalb von einem Zehntel den Gang wechseln, brauchen andere eine halbe Sekunde.

Abbildung zwei: Beschleunigungskräfte. Hohe Auflösung am Ende des Artikels © memotec

Die erste Abbildung zeigt die Daten eines sehr schnellen Fahrers (blau) und die eines langsamen (rot) auf der Geraden zwischen Schöller-S und Duzendteich-Kehre auf dem Norisring. Dargestellt sind (von oben nach unten) Gaspedalstellung, Geschwindigkeit, Drehzahl und Gang. Als Erstes fällt auf, dass der Schnellere im zweiten Gang aus dem Schöller-S kommt, sein Kollege hingegen untertourig im dritten fährt und damit langsamer beschleunigt. Auch die sehr langen Schaltvorgänge (zu erkennen an der Gaspedalstellung) steuern dazu bei, dass er am Ende der Geraden sechs km/h langsamer ist und allein auf diesen knapp 500 Metern mehr als eine halbe Sekunde verliert. Dafür kann er aber 20 Meter später bremsen.

Da es sich beim VW Polo um ein leistungsschwaches Auto mit 150 PS bei einem Gewicht von 1.060 kg handelt, führt jede zu schnelle Lenkbewegung zu einem Zeitverlust. "Wir sind halt nicht im Formelsport, wo die Fahrzeuge nur 500kg wiegen und über viel Abtrieb verfügen", berichtet Mesch. "Jede Lenkbewegung bremst das Auto ab." Daher müssen die Piloten den Polo so ruhig und sanft wie möglich um die Strecke fahren. Brachiale Fahrweisen sind nicht angebracht. "Die Lenkgeschwindigkeiten sind ein wichtiger Indikator für den Verlust von Geschwindigkeit und den damit verbundenen Zeitrückstand."

Viele Fahrer vertreiben sich ihre freie Zeit mit Kartfahren. Ulrich Mesch ist der Meinung, dass dies dem Fahrstil im Polo nicht zugute kommt. "Ich sehe sofort, wenn jemand wieder im Kart gesessen hat. Anhand der Lenkgeschwindigkeiten kann ich das ohne weiteres feststellen." Rookies, die aus dem Kartsport in den Polo Cup wechseln, haben es daher oft nicht einfach. Die Anfänger müssen lernen, ruhiger zu fahren und das Auto rollen zu lassen. Schon ein Zeitverlust von einem Zehntel kostet im Qualifying einen Platz, auf kurzen Strecken wie dem Norisring sind es schnell zwei. Meistens befinden sich die ersten Zehn innerhalb von einer Sekunde.

Abbildung 3: Lenkgeschwindigkeiten. Hohe Auflösung am Ende des Artikels © memotec

Gerne wird auch die Längsbeschleunigung im Verhältnis zur Querbeschleunigung analysiert. Ein Polo-Reifen kann Kräfte bis zu 1,3g zu übertragen, bevor er rutscht. "Ein Fahrer sollte in der Lage sein, eine Kurve immer mit dem maximalen Grip zu fahren", meint Ulrich Mesch. Der Bremsvorgang und das Einlenken müssen eine Einheit ergeben. Auf dem Datenblatt (siehe Abbildung zwei) ergibt sich bei der perfekten Kurvenfahrt ein kreisförmiger Bogen, der möglichst rund sein sollte. Jede überflüssige Lenkbewegung kann erkannt und vom Fahrer beim nächsten Mal ausgebessert werden. Zu langsam sollte man ebenfalls nicht durch die Kurven fahren. "Damit verschenkt man nur das Potential der Reifen."

Unnötige Bewegungen am Lenkrad machen das Auto in den Kurven nervös. "Man darf das Auto nicht überfahren, denn damit bremst man sich nur selbst ein", erzählt der Datenexperte. Selbst auf den Geraden werden manchmal leichte Lenkbewegungen deutlich. "Das kommt davon, wenn man zu verspannt ist und das Lenkrad nicht locker hält. Man muss es einfach in die Hand nehmen und das Auto rollen lassen - Lockerheit ist der Weg zum Erfolg." Die dritte Abbildung zeigt die Geschwindigkeit des Lenkrades. Bei zu schnellen Lenkbewegungen kann der Grip im Grenzbereich abreißen und das Auto rutscht. Überflüssige Lenkbewegungen auf der Geraden bremsen.

Ulrich Mesch hat schier unendliche Möglichkeiten den Fahrern zu zeigen, warum sie langsam sind und wo sie Zeit verlieren. Für seine Lehrlinge ist er eine wichtige Anlaufstelle. Immer wenn es Probleme gibt, ist Mesch zur Stelle. Im Laufe der Zeit lernen die Piloten selbst, ihre Fehler ausfindig zu machen. So kommt es, dass sich Ulrich Mesch auf die Neulinge im Polo Cup konzentrieren kann. Leute wie ein Constantin Dressler kommen nur noch selten zu ihm. "Erfahrene Leute kommen nur noch zu mir, wenn sie ein spezielles Problem haben. Das ist meistens der Fall, wenn sie nicht an der Spitze fahren, sondern irgendwo im Mittelfeld hängen." Am Ende einer jeden Saison sollte bei jedem der Höhepunkt der Lernkurve erreicht sein. Dann geht es entweder in ein weiteres Jahr im Polo Cup oder in eine schnellere Rennserie, immer weiter auf dem Weg nach oben.

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2 Leser-Kommentare
am 06. Juli um 13:07 Uhr
eva_susa:
Super Bericht! Sehr gut verständlich! Aber ich bin eh ein Fan eurer Technik Rubrik!
am 03. Juli um 22:55 Uhr
Anonymer Kommenar: allerbeste Pressearbeit
Hallo Fabian, ich muß Dir mein allergrößtes Lob aussprechen. Ich bin in den vielen Jahren meiner Arbeit oft "beschrieben" worden, wurde aber noch nie so authentisch wiedergegeben, wie in diesem Bericht. Und das, obwohl Du Dir kaum Notizen gemacht hast. Klasse Job! Mach weiter so. Ulli (Ulrich) Mesch

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