Mo, 08.09.2008

Formel 1 - Kolumne - Karin Sturm

Experten gegen Funktionäre

Ursachenforschung im Fall Hamilton: Lex Ferrari bei der FIA oder doch überforderte Rennkommissare?
© Sutton

Motorsport-Magazin.com - Die Reaktionen auf die Bestrafung von Lewis Hamilton beim Grand Prix von Belgien ließen an Klarheit nichts zu wünschen übrig: Praktisch alle Experten mit eigener Rennerfahrung, die den Vorfall auch aus Cockpitsicht nachvollziehen können, sprechen von einer absoluten Fehlentscheidung. Ob der dreimalige Weltmeister Niki Lauda, der ein "blitzsauberes Manöver von Hamilton" sah, für das es nie eine Strafe hätte geben dürfen, ob BMW-Sauber-Testfahrer Christian Klien, der nach mehrmaligem Video-Studium befand, "absolut alles in Ordnung", oder ob RTL-Experte Christian Danner, der "entsetzt" war über diese krasse "Fehlentscheidung".

Sportkommissare gegen Ex-Fahrer

Kimi hat vielleicht nicht mit dem Angriff gerechnet, aber das ist ja nun nicht Lewis' Problem...
Christian Danner

Nur die FIA-Sportkommissare, die Herren Nicolas Deschaux aus Frankreich, Surinder Thatti aus Kenia und Yves Bacquelaine aus Belgien, Funktionäre, die davon, was sich im Cockpit eines Formel-1-Autos wirklich abspielt, keine Ahnung haben, sahen es anders. Sie folgten praktisch in jedem Punkt der Ferrari-Argumentation, Hamilton hätte, wäre er die Schikane "normal" gefahren, weitaus weniger Chancen gehabt, Räikkönen in der folgenden Haarnadel zu überholen, er hätte sich danach also noch weiter zurückfallen lassen müssen.

Was zum Beispiel Christian Danner für Blödsinn hält - nicht nur, weil das Regelbuch ja überhaupt nichts über irgendwelche vorgeschriebenen Abstände sagt. Er gibt auch zu bedenken: "Lewis hat Kimi in der Schikane schon angegriffen, der hat ihn abgedrängt, dadurch ist Lewis doch überhaupt erst geradeaus gefahren. Ein normaler Zweikampf, spektakulär, klasse... Solche Situationen hatten wir doch schon öfters, und wenn der Betreffende den anderen dann wieder vorgelassen hat, war es immer okay."

Die Daten, die McLaren-Mercedes auch den Rennkommissaren der FIA zugänglich machte, zeigen, so erklärt das Team, "dass Lewis vom Gas gegangen und 6 km/h langsamer als Kimi war, als sie die Start- und Ziellinie überquerten. Nachdem er die Führung an Kimi zurückgegeben hatte, positionierte Lewis sein Auto neu, fuhr herüber und hinter Kimi auf die rechte Seite und bremste ihn dann auf dem Weg in die Haarnadelkurve aus." Womöglich habe Räikkönen da einfach nicht mit einem neuen sofortigen Angriff gerechnet, glaubt Danner - "aber das ist ja nun nicht Lewis' Problem..."

Zwei Erklärungsversuche

Hamilton gegen Räikkönen: die Zuschauer waren vom Duell begeistert. © Sutton

Eigentlich, so die Meinung im Formel-1-Fahrerlager, gibt es nur zwei mögliche Ursachen für dieses Urteil: Denen, die schon immer daran glaubten, dass es von Seiten der FIA eine grundsätzliche "Lex Ferrari" gebe, vor allem, wenn der betroffene Konkurrent der Roten McLaren-Mercedes heißt, spielt dieses Urteil natürlich in die Hände, sie fühlen sich in ihrer Ansicht wieder einmal voll bestätigt. Dass den Sportkommissaren seit diesem Jahr grundsätzlich der persönliche Assistent von FIA-Präsident Max Mosley, Alan Donelly, als Oberaufseher vor Ort zur Seite gestellt wurde, und, so hört man immer wieder, bei den meisten Anhörungen und Diskussionen auch der Wortführer sei, trägt auch nicht gerade dazu bei, den Verdacht zu entkräften...

Der zweite mögliche Grund wäre auch nicht viel besser: Völlige Inkompetenz der Verantwortlichen, Unvermögen, Rennsituationen realistisch einzuschätzen, konstant und vielleicht manchmal auch mit ein bisschen Fingerspitzengefühl zu entscheiden. Schließlich war es nicht die erste Fehlentscheidung an diesem Wochenende in Spa, die andere vom Samstag schlug nur nicht so große Wellen, weil sie "nur" in der Nachwuchsklasse, der GP2, passierte.

Noch eine Fehlentscheidung in Spa

Das führt doch dazu, dass kein Fahrer in Zukunft mehr wagt, irgendeinen Überholversuch zu starten.
Christian Danner

Vor zwei Wochen in Valencia war Ferrari-Pilot Felipe Massa für ein "unsicheres Herausfahren" aus der Boxengasse - nach Ansicht der meisten richtigerweise - nicht bestraft worden, weil er noch zurückgezogen und keinen Vorteil gehabt hatte, außerdem muss sich der Fahrer in solchen Situationen auf seine Boxenmannschaft verlassen. Nur das Team zahlte damals 10.000 Euro.

In der GP2-Serie bekam jetzt in Spa Titelkandidat Bruno Senna für exakt das gleiche Vergehen eine Boxendurchfahrtsstrafe - Sieg und zehn Punkte weg, Meisterschaftschancen fast dahin. Schon danach hatten Ex-Fahrer wie Patrick Tambay oder der Schweizer Marc Surer nur den Kopf geschüttelt und die Frage wieder aufgebracht, ob nicht unbedingt ehemalige Piloten in die Entscheidungsgremien gehörten. Selbst FIA-Insider und Mitarbeiter, die die Praxisseite besser kennen, sind ja mit dem, was dort passiert, nicht immer einverstanden - auch wenn sie das aus verständlichen Gründen nie laut gesagt haben wollen.

Eines ist jedenfalls sicher: Urteile wie das im Fall Hamilton schaden in erster Linie der Formel 1. Nicht nur, weil ein tolles Rennen mit einer spektakulären Schlussphase jetzt wieder völlig von politischen Diskussionen überschattet wird. Sondern auch, so Danner, "weil das doch dazu führt, dass kein Fahrer in Zukunft mehr wagt, irgendeinen Überholversuch zu starten. Dann wird doch nur hintereinander hergefahren - und die Zuschauer langweilen sich."

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57 Leser-Kommentare
am 11. September um 09:08 Uhr
Fari: Danner Zitat
Sondern auch, so Danner, "weil das doch dazu führt, dass kein Fahrer in Zukunft mehr wagt, irgendeinen Überholversuch zu starten. Dann wird doch nur hintereinander hergefahren - und die Zuschauer langweilen sich." Das nur noch hinterherfahren, haben wir ja schon. Und Danner Formel 1 Experte? Nur weil er ne Akkredetierung besitzt?
am 10. September um 21:18 Uhr
clubingmen: Hamilton
wenn der hamilton so weiter fährt kommt noch wegen den einer ums leben. nichts gegen das rennen es war ja echt klasse nach der qualli habe ich schon gedacht das wird mal wieder ein witz rennen, ich wurde eines bessern belehrt.
am 10. September um 14:16 Uhr
sbs:
"Hamilton sich einen Vorteil verschafft und Kimi gar nicht komplett vorbei gelassen??" Wie so kan Hamilton dan hinter Kimi die Fahrbahn kreuzen und sich in seinen Windschatten befinden????
am 10. September um 12:28 Uhr
Felipe Massa Fan: @daSilva4ever
Dann lies mal das Reglement genau durch, aber nicht das unvollständige von Adrivo, sondern das der FIA vom Jahre 2008 ... das zählt und nichts anderes!
am 09. September um 21:25 Uhr
daSilva4ever: Filipe Massa Fan
Mittlerweile sehen es doch sogar Ferraristi ein (z.B. Formula Uno), dass am Verhalten von Hamilton nichts dran ist was den Regeln nicht entsprochen hat. Charly Whiting – der sicher um einiges professioneller mit dem Thema F1 vertraut ist als irgendwelche Pausenclowns in Funktion von Rennkomissären – hat auch nichts unreglementsmässiges bei der Sache gesehen. Das ist Fakt! Lewis hat abgekürzt weil Kimi ihm die Strecke ausgehen lassen hat und es ansonsten zu einem Crash gekommen wäre. Das ist Fakt! Anschliessend hat Hamilton, wie es die Regeln vorsehen Kimi wieder vorgelassen um ihn anschliessend neuerlich zu vernaschen. Das ist Fakt! Hätte er es nicht gleich anschliessend getan, wäre dies später erfolgt, somit hatte dies auf das Ergebnis nicht mal einen Einfluss. Das ist Fakt! Du solltest diese Fakten einfach zur Kenntniss nehmen und dich damit abfinden. Das ich hier eine Argumentationskette aufgegleist hatte ist durchaus legitim so lange man einen gemeinsamen Nenner darin findet. Dieser ist, dass in den letzten Jahren immer das Teams welche Ferrari gefährlich wurden, in irgendeiner Weise kastriert und benachteiligt wurde. Die Raddeckel sind weiter dazu da um die Luftverwirbelungen zu minimieren und haben daher einen Effekt auf die Aerodynamik. Motorline.cc lese ich gerne, weil sie sehr oft gute Artikel schreiben und ich die Kommentare liebe. Sie sind meine Favoriten. Das bedeutet aber nicht, dass sie nur das Schreiben was wir gerne hören. Ich poste mehr dort als anderswo, weil Masse nur selten Klasse bedeutet. Betreffend des kleinen Hip Hoppers aus Zürich ;) das lassen wir mal einfach so stehen. So klein bin ich aber auch nicht ;)
am 09. September um 21:06 Uhr
Ice Wolf: 2 Sekunder Regel einführen!
Die beste Lösung wäre in diesen Fall dass derjenige der abkürzt, sich zwei Sekunden zurück fallen lassen muss! Jetziger Paragraph ist schlichtweg nicht so klar definiert! Ich hoffe es schwer dass FIA diese Lösung in Betracht zieht!
am 09. September um 20:57 Uhr
mark.vignton: @MP4-23
ich würde aufpassen das du nicht platzt. deine buchstaben blähen sich schon so komisch auf, oder du kannst durch deine mp4-23 brille so schlecht meine kleine schrift lesen. dann versteht man natürlcih nicht alles. für jemanden wie dich ist es auch schwer zu verstehen. lewis hat sich durch das manöver bewusst in eine bessere position gebracht um nochmal angreifen zu können. ich verstehe auch nciht wie jemanden, der auf der ideallinie fährt jemand anderenn abdrängen kann. aber bei mercedes ist nichts unmöglich. obwohl das ja von toyota ist.
am 09. September um 20:56 Uhr
flo87: mark vignton
und drspeed treffen es auf dem punkt. der hinterherfahrende muss die sache einschätzen ob er da rumkommt oder nicht. der lewis kann nich erwarten das wenn er sich daneben bremst das manöver gelaufen ist. und wie trulli sagte, wäre da ne mauer oder kies gewesen wäre er der ganz große depp gewesen. da kann man nich so optimistisch angreifen. der mcm war in der phase überlegen. hääte noch einige möglichkeiten zum überholen gegeben ohne mist zu bauen
am 09. September um 20:33 Uhr
DrSpeed: (MA)FIA! Ein Witz!
Lex Ferrari bei der FIA oder doch überforderte Rennkommissare? Falsche Frage. Hier zählt doch wirklich nur eins, ob sich Mister Hamilton durch die "ungewollte" Abkürzung sich ein Vorteil verschafft hat, indem Er sich erst durch dieses Manöver in die Lage zum "pas" vs Kimi gebracht hat. Und das ist doch wohl unbestritten? LH hat sich zwar laut Regelauslegung der McLM-Verantwortlichen korreckt verhalten, aber das ist Auslegungssache und Wortspielerei. Norbert Haug sagt auch, dass er keine Regelverletzung sieht, weil LH sich hat zurück fallen lassen und es nun nicht fest gemacht sei, wieviel Abstand nach dem sich zurückfallen lassen man halten soll. Das ist auch eine Argumentation, aber eine, die bewusst irre führen will und mit der McL nicht durch kommen wird. Den die Regel sagt eindeutig kein Vorteil! Aber genau den hat sich der smarte Lewis erschlichen. LH hätte sich nicht nur zurückfallen lassen müssen, sondern auch kein Vorteil aus der Lage ziehen dürfen! Lewis Hamilton hat höchstens gelupft und Kimi war noch nicht mal richtig über der Zielgeraden, wo LH wild, ungestüm und zick-zack fahrend (wobei er zweimal die Rennstrecke kreuzte) schon im Windschatten von Kimis Ferrari war. Das hat jeder sehen können und das McL in Berufung gegangen ist, halte ich für eine Arroganz hoch drei. Jedes Kind weiss doch mittlerweile, dass die FIA bei Berufungen die Strafe meistens noch höher ansetzt. Das könnte Lewis auch noch seine momentane WM-Führung noch kosten, wenn er nachträglich vielleicht sogar noch Disqualifiziert wird. Ich finde McL & M können von Glück reden so davon gekommen zu sein, denn die Strafe wird mindestens bestätigt werden. Also wozu all' diese vorgeheuchelte Empörung und der Protest? Ist McLM mal wieder unschuldig, oder was?! Con cuore sportivo ..
am 09. September um 20:21 Uhr
Formulaone:
Die Meinungen unter den Experten sind recht eindeutig und ich sehe es genauso. Und es gibt definitiv keinen Paragraphen, der einen Fehler von Hamilton offenbart. Die Sache ist echt eine Schande für diese WM. Und das sage ich als Ferrari-Fan. Diese Rennkommissare gehören beseitigt.
Karin Sturm
Karin Sturm

Von Australien bis Brasilien: Karin ist seit 1982 Stammgast im F1-Paddock. Zudem beschert sie den Fans ein alljährliches Jahrbuch und erzielte Welterfolge mit ihren Büchern über Schumacher & Senna.


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