Mi, 23.07.2008

Formel 1 - Kolumne - Andi Gröbl

Die deutsche Talfahrt

Früher mal hatte Deutschland zwei Grand Prix' pro Saison. Und beide restlos aufkauft. Warum gab es dann heuer so viele leere Plätze in Hockenheim?
© Sutton

Motorsport-Magazin.com - Fünf Fahrer hat Deutschland im aktuellen Teilnehmerfeld. Das sind 25% aller aktiven Formel 1-Piloten der Welt. So gesehen ist Deutschland die Weltmacht schlechthin. Dazu kommen zwei der drei Siegerteams, die made in Germany sind. Wir brauchen uns trotzdem nichts vormachen: Der ganz große Hype ist vorbei. Nirgends wurde das deutlicher als in Hockenheim an diesem Wochenende. Teilweise gähnende Leere auf den Rängen. Die üblichen TV-Bilder von einem voll bepackten Motodrom und den bengalischen Feuern in der Auslaufrunde mussten diesmal ausbleiben. Denn der Fan hatte seine Antwort schon vor dem Wochenende gegeben.

Hockenheim am Sonntag: der Eindruck täuscht, es waren schon mal mehr Fans da. © Sutton

Trotz massiver Aufrufe von höchster Stelle (Norbert Haug ließ keine TV-Sekunde ungenützt, um den Kartenverkauf anzukurbeln) blieb der deutsche Formel 1-Fan zuhause. Das ist zum einen schade, denn Hockenheim bietet dem Besucher wirklich viel an Drumherum. Zum anderen darf man sich auch nicht wundern, wenn der Familienvater mit seinem Jungen lieber ein Jahr lang ins Stadion zum Lieblingsklub geht, als einmal im Jahr das gleiche Geld für die Formel 1 zu investieren.

Folgen der Schumi-Mania

Wenn ich an Hockenheim denke, dann fällt mir immer das Jahr 1999 ein. Michael Schumacher lag mit eingegipstem Bein daheim und sprach über Satellit eine Grußbotschaft an seine Fans, die auf den Videowalls kurz vor dem Start eingespielt wurde. Es war mucksmäuschenstill. Als der große Schumi (damals zweifacher Weltmeister, nur zur Erinnerung) fertig war, brauste ein Applaus auf, als hätte der Bundeskanzler soeben bekanntgegeben, dass ab heute keiner mehr Steuern zahlen muss. Und ein Jahr Freibier noch dazu.

Diese Stimmung fehlte heuer komplett. Deutschland bekommt nun die Spätfolgen der Schumacher-Dampfwalze zu spüren. Ich behaupte: Auch bei einem Sieg von Nick Heidfeld - der im Übrigen längst hochverdient wäre - hätte es keine übertriebenen Samba-Vorführungen im Motodrom gegeben.

Hockenheim am Samstag: ein, zwei Fans mehr kamen dann doch noch... © Sutton

Nun kann man Nick Heidfeld, Nico Rosberg, Timo Glock, Sebastian Vettel oder Adrian Sutil keinen Vorwurf machen. Weder, dass sie einen deutschen Pass haben, noch, dass sie an die Erfolge von Schumacher noch nicht herankommen. Alle fünf haben ihren Platz in der Formel 1 völlig zu Recht. Aber der Deutsche orientiert sich immer am erfolgreichen Athleten. Und als Weltnation müssen schon Siege her, um jemandem die Zuneigung zu schenken. In anderen Ländern läuft das durchaus anders. So haben die Holländer ihren Jos Verstappen sogar in seinen dunklen Minardi-Tagen bedingungslos unterstützt. Und Takuma Sato kann wahrscheinlich sogar Rasenmäher-Rennen fahren und wird in Japan weiter wie ein Held verehrt.

Österreich ist nicht anders

Das gleiche Phänomen wie mit Schumacher gab es allerdings in Österreich auch schon: Niki Lauda machte sich mit seinem dritten WM-Titel unsterblich. Dann kam Gerhard Berger. Und die Leute rissen bald Witze über ihn, weil er zwar Rennen gewann, aber Lauda war er halt in den Augen seiner Landsleute keiner. Obwohl er jahrelang bei Ferrari und McLaren unter Vertrag war, bekam er nie die letzte Anerkennung als Rennfahrer. Zu groß war der Übervater Lauda. Dann kam Alex Wurz. Und musste sich ordentlich strecken, um auch nur in die Nähe von Bergers Erfolgen zu gelangen. Die Witze gingen wieder los. Und nach Wurz kam lange nix...

Hockenheim 1999: eine rote Wand. © Sutton

Vielleicht droht den Deutschen auch ein ähnliches Szenario. Ich habe übrigens am eigenen Leib miterlebt, wie die TV-Quote direkt proportional zum Erfolg des heimischen Fahrers rauf- oder runtergeht. Die Schwankungsbreite ist bis zu 50 Prozent. Und die Formel 1 hat ein verdammt treues Fernsehpublikum. Denn wer an einem herrlichen Sonntag Nachmittag auf Familie, Badesee oder Ausflug verzichtet, dem liegt echt was an der Formel 1. 2008 sahen gute 20% weniger auf RTL zu als noch im Jahr davor beim Nürburgring-Rennen. Einen besseren Gradmesser gibt es nicht.

Chance für die Zukunft

Es beweist darüber hinaus, dass Norbert Haug und Co. manchmal falsch liegen. So sehr man versucht, das Markenbewusstsein zu heben. Wegen eines Mercedes oder eines BMW kommt nur ein Bruchteil der Leute zum Rennen. Wegen eines Siegertypen aber sehr wohl. Das war immer so und überrascht auch nicht besonders. Denn jedem Fan ist klar, dass das heutige Formel 1-Auto mit seinem Straßenwagen genau 2% zu tun. Dafür sind die Boliden im Vergleich dank des Reglements zu 98% ohnehin alle gleich.

Da sehe ich auch eine Riesenchance ab 2009. So etwas wie die unterschiedlichen KERS-Technologien hat die Formel 1 seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Und wenn Herr Vettel im kommenden Jahr in einem Red Bull groß aufzeigen sollte, dann wird der deutsche Fan trotzdem seinen Opel weiter lieb haben und auch gerne zum Rennen sein Lieblings-Dosenbier trinken.

Euer Andi Gröbl
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16 Leser-Kommentare
am 24. Juli um 21:42 Uhr
Strietzel: Es war endlich wieder wie früher...
...kein Schalke-Fan in Schumirot rempelt einen blöd an, keiner fragt mehr: wat is denn da vorne und wat is hinten..?..kann der mit dem Ding auch schießen..? Man stolpert nicht mehr über Bierleichen oder Erbrochenes... Es geht wieder etwas sozialer zu... Und die Fans zollen auch den gegnerischen Fahrern für die Leistung Respekt! Man merkte, dass generell ein anderes Niveau im Umgang miteinander und ein höherer Sachverstand unter den Fans herrschte.... Kurzum, es war einfach wieder so wie früher und kann so bleiben! Keep Racing Strietzel
am 24. Juli um 21:23 Uhr
Iceman's good:
Also ich war in Hockenheim und mir kam es gar nicht so wenig vor. Als ich aber dann gestern das Rennen angeschaut habe, habe ich gemerkt, dass es tatsächlich nicht all zu viele Leute gewesen sind. @curtchen0: Ich war auch auf der Nordtribüne, allerdings gab es ja einige Angebote für die Karten, wodruch wir für 2 Stück 335,- gezahlt haben. @zappotrumpf: Das ist mir auch aufgefallen, rot ist immernoch die ganz klare Nr. 1, an zweiter Stelle würde ich auch die Kubica-Fans setzten. Und von der Hamilton-Fraktion habe ich fast niemand gesehen. Also noch was zu den Ticketpreisen. Ich war jetzt das erste mal bei der F1 und ich muss sagen, das Geld war es auch wert. Sicherlich sind die anderen Serien deutlich billiger, aber ich sehe das jetzt nicht so, dass ich sagen, bevor ich mir die teure F1 gönne, gehen ich doch lieber zur DTM-Saison. Vielmehr eher, dass es doch eine willkommene Abwechslung ist, mal woanderst hinzugehen und das so billig. Formel 1 ist einfach teuer, aber es gibt ja schon den VOrteil, dass nur alle 2 Jahre ien GP in D-Land ist, wodruch ich dann 2 Jahre Zeit habe, für den GP zu sparen. Und irgendein Angebot wird es sicherlich auch noch geben. So schlimm sehe ich das nicht. Trotzdem muss ich sagen, merkt man es doch dann ganz deutlich, wo man war - und zwar im Geldbeutel und auch in den Ohren ;)
am 23. Juli um 21:54 Uhr
Formulaone:
Wie schon von anderen erwähnt - das Problem sind die Preise. Die günstigste Wochenendkarte für die Parabolica lag schon bei über 100 Euro. Und dort sieht man wirklich nicht viel von der Strecke. Wenn man überlegt, wie teuer die F1-Karten in anderen Ländern sind.....in Indy zum Beispiel hat man jahrelang vielleicht die Hälfte für eine Karte gezahlt. Aber wartet mal ab, bis der Vettel in einem Siegerauto sitzt. Dann geht´s wieder bergauf mit der F1 in Deutschland.
am 23. Juli um 20:32 Uhr
rolletho: Öhem,
der Kommentar in Englisch ist ja mal spitze *lach* Naja, wahrscheinlich auf der falschen Seite und im falschen Thread. So, zurück zum Thema: Mag sein, dass es auch die Schumacher-Fans sind die fehlen. Jeder hat da seine Präferenzen. Ich (als Formel1-Fan) finde die Show ist eigentlich wieder etwas besser geworden. Die Rennen dieses Jahr waren echt okay. Das Feld ist recht ausgeglichen. Somit ist eigentlich das Feld gepflügt für eine reichliche Ernte. Aber was Bernie & Co mittlerweile für Preise haben wollen. Nee, nicht mit mir. 1997 hat eine Sitzplatz-Bronzekarte auf dem Nürburgring 270 DM gekostet wenn ich mich nicht irre. Das sind glaube ich mittlerweile 200 €, oder? Und der Hockenheimring ist noch teurer. Zusammen mit Zelten, Sprit & Verplegung ist man für 2 Leute übern Wochenende 800 Euro los. Und dafür wiederum kann ich mal ne Woche Urlaub machen. Oder wie LucyBrown schrieb die ganze DTM-Saison schauen.
am 23. Juli um 20:32 Uhr
JarnoTrulli: Viel zu teuer!!!
Ich gebe doch keine 150 bis 250 Euro für ein F1- Ticket aus! Wenn ich mir ein DTM-, WTCC- oder FIA-GT-Rennen anschaue, dann zahle ich um die 40 - 50 Euro, sehe mehr Rahmenprogramm und komme auch noch näher an Fahrer und Autos ran! Formel1 sehe ich mir nur im TV an und ob da nun Schumi fährt oder Alonso oder Hamilton, das spielt keine Rolle. Auch wenn ich die Erfolge von Schumacher respektiere, ein Fan war ich nie wirklich von ihm.
am 23. Juli um 20:25 Uhr
zappotrumpf: Es gibt auch andere Fans!
Ich bin ein BMW-Fan und mir ist es egal, wer im Auto sitzt. Ich fande es damals schon lustig, wie viele "Benetton/Renault-Fans" plötzlich ganz in rot daherkamen, obwohl man in den Jahren davor über Ferrari nur Spott und Hohn übrig hatte! Sicher haben mich die Erfolge von Michael Schumacher gefreut, aber ich bin und bleibe BMW-Fan. Wieviele McLaren Fans reden heute abschätzig über Kimi Raikkonen? Oder was ist mit Alonso? Ich fahre schon einige Jahre nach Hockenheim und habe den Boom in Rot selbst miterlebt. Am vergangenen Wochenende sah man eine deutliche Verschiebung in der Fan-Präferenz: Rot dominiert noch leicht, aber die BMW-Sauber-Fans sind stark im Kommen. Das liegt einerseits an der großen Symphatie für die Marke. Andererseits bricht ein anderer Boom über die F1 ein: die Begeisterung der polnischen Fans für Robert Kubica. Sollte dieser das Team irgendwann wechseln, wird sich das Bild wieder verschieben. (Ähnlich der Wanderung zu Ferrari, als Schumacher kam)McLaren-Fans sind schon seit Jahren Mangelware. Zu Zeiten von Hakkinen waren wenigsten noch viele Skandinavier da. Ein Lewis Hamilton wird wahrscheinlich auf der Insel einen Fan-Hype auslösen. Aber bei deutschen Fans hat er einen schweren Stand und McLaren mag man eben nicht so!
am 23. Juli um 18:55 Uhr
schumachergirl1956: schumachergirl1956
I have nothing against Lewis Hamilton but i prefer Filpe Massa or Kimi Raikkonen and for Ferrari to win this year, i have been a supporter and follower of Michael Schumacher and still am, i believe the Ferraris are far better team than the rest.i find Lewis Hamilton rather a big headed and bragger and he isnt really english so really he should be flying his fathers country.
am 23. Juli um 18:33 Uhr
curtchen0: warum fehlt eine sache in dem bericht?
wenn man schon so einen beitrag schreibt sollte man auch den einen und wichtigsten punkt herausheben! und das sind nunmal die ticketpreise..... ich bin von 1997 bis 2004 jedes jahr zum hockenheimring gefahren. eigentlich nur wegen schumacher und ferrari. (für mich war diese kombination aus fahrer/team einfach ein traum). ber seid 2005 fahre ich nicht mehr hin. lso auch schon las schumacher noch da war. denn es ist jedes jahr teurer geworden. dagegen wurde die show immer mieser. die autos fahren immer weniger wegen sparmaßnahmen und park ferme regeln. sonntag sehe ich die ersten F1 autos erst zum rennen. wie toll..... ich habe das geld früher ausgegeben. ich bin aber grade jetzt nicht mehr bereit dazu diese preise noch zu zahlen. 2002 war ich sogar am nürburgring und in hockenheim. ich wollte dieses jahr erst hinfahren. ABER die ticketpreise haben das verhindert. wir wollten auf die nordtribüne gehen. 270€... dann brauchste noch übernachtungen. die pension in der umgebung wollte pro kopf pro übernachtung mit frühstück 30€ haben. ist nen fairer preis. waren dort immer die jahre. top zimmer und top frühstück. drei übernachtungen wären also pro person 90€ gewesen. dann noch sprit was uns auch nochmal über 150€ im gesamten gekostet hätte. dann verfplegung... also alles zusammen pro person fast 500€.... ne sorry das geht einfach nicht. das steht in keiner relation. vielleicht sollten sich die herren vom hockenheimring mal gedanken um die geschäftsidee machen. denn wenn die karten billiger sind kommen mehr. also sollten sie mehr einnahmen haben als wenn wenige leute kommen. die masse machts. grade jetzt wo manche wirklich wegen schumacher nicht mehr kommen..... es war traurig zu sehen wie wenig los war. habe ja nun die guten zeiten auch miterlebt. auf der alten sowie auf der neuen bahn... aber wenn sich bei den preisen nix tut dann werden es in 2 jahren bestimmt noch weniger leute...
am 23. Juli um 18:24 Uhr
alonsusi: f1 und fussball männersache?
"...wenn der familienvater mit seinem jungen..." könntest du den satz vieleicht abändern? oder hast du noch nicht mitgekriegt, dass auch mami´s und mädels gern f1 und fussball schauen? ;-)
am 23. Juli um 18:06 Uhr
Darkjodi:
denkst du wirklich es würden mehr fans kommen nur weil die strecke woanders liegt? spitze... gehen eben die fans in NRW was mit sicherheit kein unbedeutender teil in hockenheim ist, nach spa... es ist einfach nicht so einfach mir geht es genauso ich würde sehr gerne zur Formel 1 fahren aber 250€ für einen tag f1? da gehe ich lieber mit meinem freunden eine woche campen und fahr noch zur DTM nach hockenheim... schade... ein großer teil war mit sicherheit nur wegen Michael Schumacher an der F1 intressiert bzw. hat sie angesehen... ich sehe es an meinem vater, der früher noch jeden sonntag formel 1 geschaut hat nun nur noch dann wenn er nix besseres zu tun hat... wir brauchen einen neuen helden... oder sport den es sich lohnt anzusehen... ich schau so oder so f1 aber solange die "geldmacherei" von seiten eccelstone und co nicht aufhört werden die fans auch nicht mehr werden wenn es so weitergeht... und so wird es früher oder später drauf rauslaufen das wir entweder etwas unternehmen müssen oder aber den GP aus deutschland verlieren... was extrem schade wäre...
Andi Gröbl
Andi Gröbl

Andi kennt die Boxengassen der F1-Welt in- und auswendig. Als Boxengassenreporter, Kommentator und Journalist berichtet er seit Jahren über seine Leidenschaft Motorsport.


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