Di, 22.07.2008

Formel 1 - Kolumne - Karin Sturm

Stallorder, Teamdenken und Risiko

Ein geschenkter Sieg für Lewis Hamilton? Von wegen: der Brite musste hart für seinen Sieg arbeiten, von einem Strategievorteil war nichts zu sehen.
© Sutton

Motorsport-Magazin.com - Dass sich Hockenheim-Sieger Lewis Hamilton nach dem Rennen bei seinem Teamkollegen Heikki Kovalainen ausdrücklich und sehr herzlich dafür bedankte, dass der ihn bei seiner Aufholjagd auf dem Weg zurück an die Spitze nicht aufgehalten, sondern praktisch sofort freiwillig vorbei gelassen hatte, war Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die den Silbernen gerne bei jeder Gelegenheit ans Bein pinkeln.

Verbotene Stallorder, garantiert habe man Kovalainen über Funk aufgefordert, seinen Teamkollegen vorbeizulassen, die Vorwürfe waren schnell bei der Hand... Vor allem, weil sich Kovalainen direkt nach dem Rennen auch ziemlich deutlich ärgerte und zumindest in die finnischen Fernsehkameras und Radiomikrofone etwas zischte, was so klang wie, "wenn man nicht einmal mehr Rennen fahren darf..."

Ron Dennis bedankte sich beim Teamplayer Kovalainen. © Sutton

Wobei sich bei etwas genauerer Betrachtung vieles relativiert: Der Aussage von Ron Dennis, man habe Kovalainen über den Funk nur informiert, dass Hamilton hinter ihm wesentlich schneller sei, ist durchaus Glauben zu schenken. So dumm, eine offene - verbotene - Order auszusprechen, ist man bei McLaren sicher nicht. Und dass die Formel 1 heute zumindest in der Beziehung ein Teamsport ist, dass ein Fahrer in so einem Fall schon weiß, wie er sich zu verhalten hat, nämlich dem chancenreicheren Teamkollegen nicht im Wege zu stehen, ist eine Tatsache. Bei den heutigen Summen, die Hersteller und Sponsoren investieren, kann es sich einfach niemand mehr leisten, sich in so einer Situation selbst auf den Füßen zu stehen, dadurch der Konkurrenz einen möglichen Sieg zu schenken.

Auch Nick Heidfeld ließ in Kanada seinen Teamkollegen Robert Kubica problemlos vorbei, als der angesichts seiner Strategie mit frischen Reifen hinter dem Mönchengladbacher aus der Box kam, sich aber absolut keinen Zeitverlust leisten konnte, auch im Mittelfeld passieren solche Dinge immer wieder, ohne dass sie überhaupt groß registriert werden.

Das mag dem einen oder anderen Renn-Puristen immer noch zu weit gehen, ist aber aus der Realität nicht mehr wegzudenken.
Karin Sturm

Das mag dem einen oder anderen Renn-Puristen immer noch zu weit gehen, ist aber aus der Realität nicht mehr wegzudenken und durch keine Regel der Welt zu verhindern. Mit Aktionen wie jener berühmt-berüchtigten von Ferrari 2002 in Österreich, als Rubens Barrichello kurz vor dem Ziel Michael Schumacher den Sieg überlassen musste, als die beiden in einer frühen Phase der WM ungefährdet an der Spitze des Rennens lagen, hat diese Form von "Hilfe" nicht viel bis gar nichts zu tun.

In diesem Fall kommt noch ein anderer Aspekt dazu. Einer, den auch Kovalainen nach dem ersten Ärger anerkannte, als er zugab, dass die gesamten Strategie-Entscheidungen des Teams wohl doch gar nicht so falsch gewesen seien. Was sich in diesem Fall nicht nur mit entsprechendem "Briefing" durch das Team erklären ließ, sondern durchaus auch durch eigenes Nachdenken von Kovalainen, dessen Laune sicher auch deshalb so schlecht war, weil er im Rennen von Anfang an doch wieder deutlich langsamer gewesen war als Hamilton.

Am Ende konnten beide jubeln. © Sutton

Denn da musste er auch zu dem Schluss kommen, dass eine "normale" Vorgehensweise von McLaren-Mercedes für ihn in Wirklichkeit noch schlechter gewesen wäre: Hätten die Silbernen ganz klassisch beide Fahrer in der Safety-Car-Phase an die Box geholt, Hamilton nicht weiterfahren lassen, dann hätte sich Kovalainen hinter Hamilton anstellen müssen und mindestens zehn Sekunden zusätzlich verloren und damit noch zwei Plätze mehr...

Insofern hätte eigentlich sogar der Brite mehr Grund gehabt, sich zu beschweren. Ihn hätte die Idee der McLaren-Mercedes-Gehirne an der Boxenmauer bei etwas unglücklicherem Verlauf sogar den an sich sicheren Sieg kosten können, so verlangte sie von ihm zumindest einen Kraftakt, der bei konventionellem Vorgehen nicht nötig gewesen wäre. Dass man im Vertrauen auf die eigene Stärke, auf den Speed von Hamilton, eine Strategie wählte, die beide Fahrer so weit nach vorn bringen sollte wie möglich, war sicherlich etwas riskant. Mehr aber auch nicht...

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4 Leser-Kommentare
am 23. Juli um 00:38 Uhr
Sasa: Spitze
Ich kann nur eines sagen, ich war am Wochenende am Hockenheimring und was ich da sah war einfach genial. Lewis Hamilton fuhr sensationell, mich interessiert überhaupt nicht was die Fans anderer Teams Schlechtes dazu meinen, denn hier kommt der zukünftige absolute Topfahrer der F1. Ihr könnt ihn in der Presse und in Leserbriefen zerfleischen wie ihr wollt, er wird seine Antwort auf der Strecke liefern. Irgendwann finden auch die Neider keine Argumente mehr.
am 22. Juli um 20:48 Uhr
hiobharry: Hamiltons Sieg ist mir zu verdanken!!!
Was L.H. beflügelte war einzig mein Einsatz am Hockenheimring! Ich nahm eine leicht bekleidete rassige dunkle Schönheit aus Kunstoff mit an den Ring und stand unmittelbar an der Spitzkehre! Hat nur H.L. sie gesehen??? Beweisfotos habe ich!!!
am 22. Juli um 19:26 Uhr
Helmsen: lewis is the best...
da kann wohl wieder ein ferrari-fan die bittere wahrheit nicht vertragen oder wie? immer die gleiche leiher... kaum ist der mc laren besser als die rote gurke,schon muß es wie es herr Dr. sagt,"zum Himmer " stinken... Lewis war einfach der beste in diesem rennen und die von ihnen angesprochenen probleme mit den reifen wären auch noch eingetreten hätte er die weichen reifen länger fahren müssen!vielleicht hat er aber auch nur das beste setup für diese strecke gefunden und gut is.. na gut, warten wir ab was ungarn so bringt. bin schon gespannt was sich so einige leute wieder zu recht spinnen wenn die roten wieder versagen...
am 22. Juli um 17:53 Uhr
Ice Wolf: Viele Fragen bleiben offen Frau Sturm!
Wieso war Lewis der einzige der keine Reifenprobleme von den Top Piloten!Obwohl er als der Reifenkiller Nummer 1 gilt! Wieso hatt er als einziger diesen mordsgrip an den Rädern! Der Unterschied zu sein normelerweise schnelleren Teamkollegen war zu eklatant! Da is sicher was faul und da es gewaltig stinkt wird es auch zum Himmer stinken!
Karin Sturm
Karin Sturm

Von Australien bis Brasilien: Karin ist seit 1982 Stammgast im F1-Paddock. Zudem beschert sie den Fans ein alljährliches Jahrbuch und erzielte Welterfolge mit ihren Büchern über Schumacher & Senna.


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