Mi, 09.07.2008

Formel 1 - Kolumne - Andi Gröbl

Lewis und die Besserwisser

Mit dem Sieg in Silverstone hat Lewis Hamilton den Wichtigtuern in der Formel 1 eine vor den Latz geknallt. Verstummen werden sie deswegen aber nicht lange.
© McLaren

Motorsport-Magazin.com - Wer heute ein Formel 1-Cockpit bekommt, der wird quasi in den Adelsstand erhoben. Die Kehrseite der Medaille ist, dass man sein bisheriges Leben an der Garderobe abgeben muss und in eine völlig neue Identität schlüpft. Millionen Menschen weltweit sehen sich von da an berufen, dem Formel 1-Piloten die Daumen zu drücken, ihm Gutes oder Schlechtes zu wünschen, oder ihm wohlgemeinte Ratschläge zu erteilen. Letzteres scheint ein besonders großes Hobby von Boulevard-Schreiberlingen geworden zu sein. Im Falle von Lewis Hamilton drohte das Yellow Press-Ungeheuer den britischen Superstar zuletzt so schnell wieder zu vernichten, wie man ihn hochgejubelt hatte. Das Boris Becker-Syndrom sozusagen, nur halt im Zeitraffer.

Die Fans haben endlich wieder einen Heimsieger. © Sutton

Das Verhältnis von Hamilton zur Presse hat sich in den 1 ½ Jahren seines Wirkens in der Tat gewandelt. Noch im Vorjahr hätte er in einer Umfrage im Fahrerlager wohl 90% Zustimmung als Mediendarling Nummer 1 erhalten. Selbst altgediente Kollegen standen in Melbourne im Vorjahr fassungslos herum, wie nett, verbindlich und höflich der Neue doch war. Im August in Ungarn (zur Erinnerung - Blockade von Alonso im Qualifying usw.) hatte sich das Bild schon ein wenig gewandelt. Und als nach dem Auftaktsieg in Melbourne 2008 nicht gleich eine Lawine an Siegen nachfolgte, da war nix mehr mit Darling. Wie die Ratten kamen sie aus den Löchern.

Plötzlich fühlten sich viele "Experten" genötigt, Herrn Hamilton gute Ratschläge zu erteilen: In der Boxengasse bremsen kann er nicht, der Depp. Und wie kann er die eine angebliche Freundin sitzen lassen, um angeblich zu einer anderen zu wechseln? Wo er doch die Schwester von Eddie Irvine schon vernascht haben soll (die Lachnummer schlechthin im Paddock). Und überhaupt, wer dauernd solche Termine bei Charity-Triathlons und den Nelson Mandelas dieser Erde hat, der hat sie wohl nicht mehr alle. Kein Wunder, dass sogar der alte Hamilton einen Sportwagen ins Gemüse fährt. Der hat sie ja auch nicht mehr alle. Und der Lewis war sicher auch da mit dran schuld.

Ein Küsschen für den Pokal. © Sutton

Dahinter steckt ein einfacher Mechanismus, der das Boulevard-Vehikel seit Jahrzehnten am Laufen hält: Helden kann man gut verkaufen. Aber noch besser sind gefallene Helden. Eine gute Schlagzeile liest man ab und zu gerne. Aber von schlechten Schlagzeilen kann man nie genug bekommen. Und die Methoden werden immer ungenierter. Umso beachtlicher finde ich es, wie es ein Michael Schumacher gelungen ist, über gute 15 Jahre da ungeschoren davon zu kommen. Zumindest in Deutschland. In England hat man ja 1994 nach dem Rammstoß für Damon Hill alle Leinen losgelassen und das Bild vom bösen Deutschen nur noch halbherzig korrigiert.

Lewis Hamilton ist der Presse jedenfalls in die Falle gegangen, die er gar nicht umgehen konnte. Und deswegen war sein Sieg in Silverstone so unglaublich wichtig. Auch um wieder Ruhe in sein Umfeld zu bekommen. Denn auch wenn ihm die Heckenschützen mit ihren Laptops egal sein könnten, weil er sie nie leibhaftig zu Gesicht bekommt: Die Welle des Unsinns, der da verzapft wird, schwappt so oder so ins Fahrerlager hinein. Das sind die Regeln der modernen Formel 1-Kommunikation.

Für Lewis ist in den vergangenen Monaten alles sehr schnell gegangen. Aus dem Nichts kommend war er in wenigen Wochen der Erlöser Englands, der WM-Topfavorit, der Überirdische, dann der Märtyrer im Alonso-McLaren-Krieg und am Ende der Depp im WM-Finish. Für einen 22-jährigen Stoff genug, um irgendwann mal auszuticken. Zugegeben: Lewis hat sich unter all dem Druck ein wenig zurück gezogen. Zuletzt machte er einen Kardinalfehler, der schon anderen Fahrern medialen Schlechtwetter eingehandelt hat: Er ließ die wartenden Journalisten ewig vor dem Motorhome stehen, um am Ende gar nicht zum Interview zu kommen. Das ist unhöflich. Und Journalisten sind von Natur aus eher eitel und dadurch zu Recht sauer. In diesen Dingen färbt dann leider auch die Dennis'sche McLaren-Noblesse unschuldigerweise ein wenig auf Lewis ab. ("We make history, you write about it...").

Lewis ist wieder Everybodys Darling. © Sutton

Ich bin weder der Anwalt von Hamilton noch der Ankläger der Boulevard-Presse. Ich möchte aber meine persönliche Sicht der Dinge festhalten: Lewis ist jetzt 23. Im Vergleich zu anderen wesentlich älteren Fahrerkollegen hat er mächtig was im Kopf, ordentliche Manieren und schon ein bisschen was erreicht. Er hat sein Leben ordnungsgemäß am Eingang abgegeben und erfüllt seine Rolle als Vorzeigesportler perfekt. Im Vergleich mit anderen 23-jährigen, die ich so privat kenne, sowieso...

Nach seinem Besuch bei Nelson Mandela musste jedem klar sein, wie sehr Hamilton doch am Boden geblieben ist. Schwer beeindruckt zeigte er sich von der Ausstrahlung des alten Mannes: "Ich habe seine Biografie vor Jahren gelesen. Ich bin kein großartiger Bücherwurm. Aber dieses Buch musste ich lesen. Als ich dann zu ihm kam, war es für mich wie ein Empfang beim König. Ich wollte mir ursprünglich Fragen aufschreiben, die ich ihm stellen wollte. Aber dann dachte ich mir: Es fragen ihn ohnehin pausenlos alle Menschen etwas. Da will ich ihm nicht auch noch auf die Nerven gehen. Aber er war so unglaublich nett. Beim Dinner durfte ich dann an seinem Tisch sitzen. Gegenüber saßen Bill Clinton, Chelsea Clinton, Oprah Winfrey, Will Smith und einige englische Adelige. Und ich dachte mir nur: Verdammt, was tue ich hier eigentlich? Fällt denen gar nicht auf, dass ich nur ein ganz normaler Junge von der Straße bin..." So redet keiner, dem der Ruhm zu Kopf gestiegen ist.

Hamilton braucht daher keine guten Ratschläge. Er braucht nur die gleiche Fairness, die für alle anderen auch gilt. Und wir alle können ein Zeichen setzen, in dem wir nicht jeden Blödsinn nachplappern, den irgendein bösartiger Gerüchte-Schmied sich gerade zusammengezimmert hat. Und ab und zu auch das ganze Bild betrachten, ehe wir marktschreierisch etwas hinausposaunen. Denn manchmal ist die gute Schlagzeile zwar weniger kraftvoll, aber zumindest richtig. So glaube ich übrigens auch nicht, dass Lewis nach seinem Silverstone-Sieg schon der beste Regenfahrer aller Zeiten ist, wie man ja schon lesen und hören musste. Die Formel 1 ist bald 60 Jahre alt. Sie hat viele große Fahrer gesehen. Lewis in Silverstone war das Beste seit Jahren. Aber Senna in Donington oder Adelaide, Frentzen 1999 in Magny-Cours, Schumacher in Spa oder Suzuka - das war dieselbe Liga. Daher schadet auch bei Superlativen ein wenig Demut vor der Geschichte nicht.

Euer Andi Gröbl
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17 Leser-Kommentare
am 11. Juli um 14:42 Uhr
manfredc180:
Also,ob Lewis ein guter Entwickler ist,wissen wir wohl nicht,wenn jemand darüber Informationen hat,könnte er es ja hier kundtun. Lewis als Popstar,wird seinen Leistungen auf der Strecke nicht gerecht,als Kimi noch bei Mercedes war,hat er auch alles ziemlich locker gesehen.man muss ja nicht griesgrämig durchs Fahrerlager laufen um Ernsthaftigkeit in seinem Job zu erlangen.Obwohl es hier viele anders sehen ,glaube ich, er ist das größte Talent seit Schumacher.
am 10. Juli um 17:28 Uhr
MP4-23:
wie er sich aufführt und wie er sich gibt auf der Strecke sind zwei verschiedene paar Schuhe! Lewis zeigt öfters Leistung....Kimi auch....Kimi geht aber auch Saufen und fällt vom Boot....Lewis????? Schönen Gruß ;-)
am 10. Juli um 10:20 Uhr
zea:
@ manfreddc180: keiner hat behauptet, dass nur ferrari gewinnt/gewinnen kann. hier geht es um andere sachen. lewis muss noch vieles lernen. er hat das glück, für ein sehr gutes team zu fahren. die frage, die ich mir stelle ist, kann er "mitentwickeln"? lewis ist eher ein popstar und kein rennfahrer. so führt er sich leider auf....
am 09. Juli um 23:52 Uhr
manfredc180:
Dr.Wolfsauge,is ja guuuut, wein doch nicht gleich,es werden diese Saison auch noch andere gewinnen,nicht nur Ferrari,wirst dich daran gewöhnen müssen
am 09. Juli um 22:28 Uhr
Ice Wolf: Der Titel geht nur über Kimis Leiche
Kimi ist und wird der Weltmeister bleiben! Ferrari wird nie wieder solche Anfängerfehler machen damit Lewis dahinspazieren kann! Kimi ist ohne wenn und aber der bessere schnellere Fahrer, das wird sich auch nicht ändern!!
am 09. Juli um 22:20 Uhr
Ice Wolf: "schweigenden Säufer"
Formulaone am 09. Juli um 10:16 Uhr Na na na mal sachte. Kimi ist ein einfacher Weltmeister aber kein Säufer! Er hat es nicht nötig grössenwahnsinnig zu sein wie Lewis. Lewis ist und wird nie der neue Superstar werden damit das klar ist. So ein Deppen der den Helm von Ayrton trägt und kein bisschen Grips hat und nur kokettieren kann brauchen wir nicht! Wir verzichten auf Nachahmer und Spinner die nur großen Maul haben und nix dahinter! Kimi wird sein großen größenwahnsinnigen Maul noch stopfen!!Capito
am 09. Juli um 19:37 Uhr
Carmenrosa: @eians
Natürlich darf und muß ein Manager gut über seinen Fahrer reden, sonst wird er sicher entlassen (sicher nicht so bei Hamilton). Schumachers Manager ist aber nicht von Ponsius bis Pilatus gelaufen um sich wegen irgendetwas zu beschweren. Schumacher hätte soetwas auch nie zugelassen, und das sage ich als kein Schumacherfreund.
am 09. Juli um 19:37 Uhr
Carmenrosa: @eians
Natürlich darf und muß ein Manager gut über seinen Fahrer reden, sonst wird er sicher entlassen (sicher nicht so bei Hamilton). Schumachers Manager ist aber nicht von Ponsius bis Pilatus gelaufen um sich wegen irgendetwas zu beschweren. Schumacher hätte soetwas auch nie zugelassen, und das sage ich als kein Schumacherfreund.
am 09. Juli um 15:52 Uhr
manfredc180:
Stimme Formulaone voll und ganz zu,so sehe ich es auch.Ein professioneller Manager,und er würde schon anders rüberkommen.Eltern sind in diesem Haifischbecken überfordert,ein Manager muss ihm ja auch ab und zu eine knallharte Linie abfordern,da sehe ich seinen Vater überfordert.
am 09. Juli um 13:52 Uhr
snaut: da is
ein auffahrunfall an einer roten ampel einmal schikane abkürzen und abstreiten zweimal stallregie das sind nur die vorfälle von 2008
Andi Gröbl
Andi Gröbl

Andi kennt die Boxengassen der F1-Welt in- und auswendig. Als Boxengassenreporter, Kommentator und Journalist berichtet er seit Jahren über seine Leidenschaft Motorsport.


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