Sa, 29.03.2008

Formel 1 - Kolumne - Pro und Contra

Weltmeister Felipe Massa

Felipe Massa steht im Kreuzfeuer der Kritik. Hat er das Zeug zum Formel 1-Weltmeister oder ist er dafür zu fehleranfällig?
© Sutton

Wild & ungestüm

von Stephan Heublein

Zwei Rennen, null Punkte. Einmal hat es gequietscht, einmal hat es gekracht und einmal geraschelt. Jedes Mal zeigte der Daumen bei Felipe Massa nach unten. Zunächst der erste Fehler in der ersten Kurve der neuen Saison. Massa dreht sich hinter Heikki Kovalainen, beschädigt seinen Frontflügel, alle Siegchancen sind dahin. Gleicher Ort, gleiches Rennen. Diesmal kracht es laut, David Coulthards Red Bull zerfällt in seine Einzelteile, Massa kann nach dem Überholversuch weiterfahren, scheidet später aber aus. Der vorläufige Höhepunkt: ein weiterer Dreher in Malaysia. Diesmal landet er im Kiesbett, bleibt stecken, ein sicher geglaubter Ferrari-Doppelsieg wird im malaysischen Kies begraben.

Massa im Abseits: Nie F1-Weltmeister? © Sutton

Es ist nicht das erste Mal, dass ihm solche Fehler unterlaufen. Auch zu Saisonbeginn 2007 stand er unter Druck, ausgerechnet in Malaysia machte er hinter Lewis Hamilton den entscheidenden Fehler. Er wollte zu viel zu früh, griff an, rutschte ins Kiesbett und verlor zwei Positionen. Damals konnte er immerhin weiterfahren, doch die Kritiker sahen mal wieder den Südamerikaner in ihm durchgehen - wie es auch in so mancher lautstarken Diskussion mit Fernando Alonso in der vergangenen Saison noch geschehen sollte.

Der Ruf vom wilden Brasilianer reicht noch weiter zurück. Schon in seinen ersten F1-Jahren bei Sauber war Massa so gar nicht wie sein Vorgänger - ein gewisser Kimi Räikkönen, der ihm auch heute wieder Kopfschmerzen bereitet. Im Gegensatz zum Finnen in dessen erster F1-Saison beim gleichen Team ging Massa 2002 wild und ungestüm zur Sache, machte Fehler und verschenkte dadurch gute Ergebnisse. Etwas, das man sich als Sauber-Pilot damals nicht so häufig leisten durfte.

Und auch als Titelanwärter müssen Fehler eine Seltenheit bleiben - so wie bei Michael Schumacher, der sie sich meistens nur im Freien Training erlaubte. Oder bei Massas Ferrari-Teamkollege Kimi Räikkönen, der beim Auftakt in Australien überraschend unkonzentriert zu Werke ging. Waren die fehlenden Fahrhilfen schuld - bei Räikkönen wie Massa? Für einen Titelkandidaten darf das keine Ausrede sein. Die Fahrhilfen sind weg, die Besten werden damit klar kommen und weiterhin siegen und Titel gewinnen. Das hat Räikkönen in Malaysia bewiesen. Aber wird Massa zu ihnen gehören?

Er hat das Talent und den Speed, das hat er in der Vergangenheit bewiesen - auch in Malaysia, schließlich war er es, der auf die Pole Position fuhr. Aber hat er die nötigen Nerven und die mindestens genauso wichtige Konstanz? Denn Dreher im Doppelpack, Ausrutscher, Kollisionen und Fahrfehler passen nicht ins Bild eines künftigen Champions. Schon gar nicht, wenn jeder verlorene WM-Zähler über den WM-Titel entscheiden kann. Lewis Hamilton und Fernando Alonso wissen, was es heißt, um einen Punkt das Nachsehen zu haben. Wenn Massa die Fehler nicht abstellt, wird auch er es erfahren - sollte er überhaupt jemals so nah an den Titelgewinn herankommen...

Heiß auf Erfolge

von Nico Schweinzer

Massa im Mittelpunkt: Zukünftiger Champion? © Sutton

Wie es im Motorsport eben so ist, drehte sich Felipe Massa in der ersten Kurve von Melbourne im Duell mit Heikki Kovalainen. Auf dem Weg zum kompletten Rennfahrer werden viele Fehler begangen, passieren viele Dreher und müssen viele Verbremser weggesteckt werden. Das liegt in der Natur des Motorsports. Es gilt: Learning by doing. Diese Erfahrung musste nicht nur Massa machen, der von den italienischen Medien umgehend in Fetzen zerrissen wurde. Der in Italien momentan hoch gelobte Kimi Räikkönen verbremste sich in Melbourne kapital und das mehrmals. Trotzdem zweifelt keiner daran, dass der Weltmeister die Fähigkeit besitzt, seinen Titel zu verteidigen.

Dass man nie zu einem 100 Prozent perfekten Rennfahrer werden kann, hat schon Michael Schumacher bewiesen. Der Rekordweltmeister und erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten beteuerte immer wieder, dass auch er bei jedem Rennen etwas dazu lernen konnte. Es sollte also selbstverständlich sein, dass auch ein 26 Jahre junger Rennfahrer noch die eine oder andere Erfahrung machen muss. Es war natürlich ein gefundenes Fressen für die italienische Presse, dass Felipe Massa im weiteren Rennverlauf auch noch eine Kollision mit David Coulthard provozierte, der mit einer zerstörten Radaufhängung aufgeben musste. In Malaysia stellte sich heraus, dass Red Bull eine allgemein etwas unstabile Radaufhängung einsetzt... Ein paar Meter später ist auch Massa rechts ran gefahren, der Motor sei ausgegangen. Doch was sagen eigentlich die Verantwortlichen im Team zu Felipes Performance? "Sicherlich wären Punkte sehr wertvoll für Massa und das Team, aber noch sollte man es nicht überbewerten", so Stefano Domenicali.

Es ist nicht einfach in den Formel 1 Zweikampf-Modus umzuschalten, wenn die Piloten in der Winterpause nie richtige Duelle zu bestreiten hatten, sondern lediglich bei Fun-Events oder Testfahrten im Cockpit saß. Die Reflexe müssen erst wieder geölt, die Reaktionszeiten verkürzt werden. Von Vorteil war es zwar nicht, dass Felipe auch im zweiten Rennen der Saison durch einen Fahrfehler ausschied, doch muss man sich vor Augen halten, dass die Formel 1 in dieser Saison erst 2 von 18 Rennen hinter sich hat. In Malaysia konnte sich Massa am Start gegen seinen finnischen Teamkollegen durchsetzen und behauptete sich während des Rennens bis es Zeit zum Nachtanken wurde. Während der Boxenstopps konnte Räikkönen sich an Massa vorbei schieben. Ob dies ausschlaggebend für den Fahrfehler von Massa war, ob sich das auf seine Konzentration ausgewirkt hat, kann man nur vermuten.

Quo vadis Felipe Massa? © Sutton

Dass es sich um einen Fahrfehler des Brasilianers gehandelt hat, wurde mittlerweile bestätigt. Dass das ein Grund dafür ist, Massa zu feuern, dementierte Teamchef Domenicali. Nur, dass sich Massa für solche Gerüchte anfälliger zeige als Räikkönen störe etwas. Klar, dass der temperamentvolle Brasilianer emotional leichter zu erregen ist als der kühle Finne Kimi Räikkönen. Doch war heißblütige, emotionale Liebe zum Sport noch nie ein Hindernis für Rennfahrer, die Weltmeister werden wollten. Massas Landsmann, der tödlich verunglückte Ayrton Senna, war wohl einer der leidenschaftlichsten Rennfahrer der Geschichte. Senna, der als extrem emotioneller Mensch und Rennfahrer bekannt war, konnte seine unbändige Liebe zum Sport, mit all den Emotionen, egal ob positiv oder negativ, bündeln und sie einsetzen, um sich für das große Ziel zu motivieren: Formel 1 Weltmeister zu werden.

Felipe Massa hat einige, sehr harte Jahre mit viel Druck hinter sich. Er musste in die Fußstapfen eines Kimi Räikkönens steigen, er musste die Nachfolge von Rubens Barrichello bei Ferrari antreten und er musste im traditionsreichsten Rennstall der Formel 1 neben dem erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten bestehen - Michael Schumacher. Man kann also behaupten, dass der Brasilianer schon schwierigere Situationen als einen verpatzten Saisonstart gemeistert hat. All das zeigt nur zu gut, dass in Felipe Massa ein Rennfahrer steckt, der die nötigen Nerven hat, um Formel 1 Weltmeister zu werden; Iceman hin, Iceman her. Hier kommt der Fireman.

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14 Leser-Kommentare
am 01. Juni um 11:03 Uhr
DrSpeed: Iceman kühlt ab?
@kalli. Alter Mann ist kein D-Zug. Klar hast Du Recht! Die beiden waren nie gemeinsam bei Sauber. Ein Fehler. Aber bei 4 Jahrzehnten F1 kann das schon mal passieren ;-). Massa hätte und wollte in Monaco alles klar machen, um für sich die die Weichen in Richtung WM und Nr.1 Fahrer bei der Scuderia zu stellen (wenn es den Nr.1 Fahrer bei Ferrari überhaupt noch gibt, denn die beiden dürfen anscheinend frei gegeneinander fahren, hat einer keine Chance mehr wie letztes Jahr Felipe, hat er sich der Teamstrategie zu unterstellen und das scheint mehr als gut zu klappen). Ich bin sicher Massa kann es schaffen dieses Jahr und ich wünsches ihm, weil er wirklich ein junger wilder ist. Mit allem was dazu gehört. Dicken Cogliones und Mut. Dabei kritisieren ihn alle er würde soviel Mist bauen. Bullshit, denn Massa geht an und über seine Grenzen und das ist wie ein Seiltanz auf einer Rasierklinge. Keep Racing & forza Ferrari!
am 31. Mai um 15:43 Uhr
eians:
Niemand ist zu unterschätzen. Auch ein Nakajima kann Weltmeister werden.Er braucht nur ein schnelles Auto(Mclaren oder Ferrari)
am 31. März um 16:41 Uhr
kalli: @Dr. Speed
Wann bitte hat Räikkönen dem Massa bei Sauber die Show gestohlen? Nach meiner Erinnerung ist Räikkönnen ein Jahr vor Massa bei Sauber gefahren, und zwar jeweils neben Heidfeld. Und während Räikkönen gegen Heidfeld ziemlich untergegangen ist (zugegeben, war sein erstes F1-Jahr), war Massa zumindest im Quali besser als Heidfeld.
am 31. März um 12:37 Uhr
Rennfreund: Och Leute....
es ist doch erst das zweite Rennen um und im ersten Rennen wäre Massa doch mit oder ohne Fehler nicht ins Ziel gekommen. Klar hat er auch Fehler im ersten Rennen gemacht aber wenns anders gewesen wäre dann hätte er auch da nicht gepunktet. Ich hab gehört das es sich so schlecht fahren lassen soll wenn der Motor verreckt. Beim zweiten Rennen bin ich mir immer noch nicht schlüssig ob der Fehler wirklich bei Massa lag. So wie der Ferrari in einer so schnellen Kurve ausbrach, glaube ich irgendwie nicht an die fehlende TK weil sie in schmellen Kurven nicht so relevant ist. Wenn das ne langsame enge Kurve gewesen wäre, ok :-))--- Schaun wir mal was die nächsten Rennen für den kleinen Brasilianer bringen und lassen die Kirche doch mal im Dorf ;-)
am 31. März um 10:34 Uhr
n200: Massa ...
kommt einfach nicht mit dem Speed von Räikkönen zurecht. Massa kann zwar auf eine Runde schneller fahren, verliert aber praktisch jedes Duell gegen Räikkönen auf die Distanz und das viel deutlicher als gegen Schumacher (dort waren doch viele Rennen sehr ausgegelichen, 2x hat Massa sogar dominiert). Ich seh eindeutige Parallelen zum Duell Räikkönen vs Montoya. Damals dachte ich auch dass Montoya im zweiten Jahr aufschliessen könnte, aber genau das Gegenteil war der Fall. Die Leistungen von Montoya wurden richtig unkonstant weil er die Lücke einfach nicht schliessen konnte. Und Gleiches scheint jetzt bei Massa der Fall zu sein. Die Speedplus ist im Moment ganz klar bei Räikkönen, einzelne Quali- oder beste Runden würde ich nicht allzu hoch bewerten, weil das für ein konstantes Rennen nicht so wichtig ist. Und Massa will sich wie Montoya auch nicht mit einer Barrichello-Rolle zufrieden geben, wo man einfach akzeptiert, dass der halt im Mittel seine 3 Zehntel langsamer ist. Hier seh ich die Ursache für die momentane Unkonstanz Massas begründet. Ein Coulthard musste sich damals bei McM fügen / akzeptieren, dass er klar langsamer als Räikkönen war, fuhr aber konstante Rennen, halt auf einem anderen Niveau.
am 30. März um 22:31 Uhr
DrSpeed: @asaint
Weise, gewählte und wahre Worte. Gefällt mir sehr gut wie Du die Sache siehst und Du unterstreichst mit Deinen widerum guten Link, dass Ferrari doch nicht ganz die Wahrheit gesagt haben könnte? Ich habe von Anfang an gesagt, dem ist der Wagen nicht wegen einem Fahrfehler ausgebrochen. Aber auch was Du über Druck, Kimi und das Ferrari hinter sich. Die Gelassenheit, die unerwartete Vertragsverlängerung bis 2010 für Felipe. Selbst Räikkönen als WM hat keinen Vertrag bei der Scuderia bis 2010. Hat alles Hand & Fuss was Du sagst, auch über Massa. Aber er hat noch eine Chance und so ein schneller Mann wird sie auch zu nutzen wissen, hoffe ich mal für Massa! Mit den Politologen beweisst Du auch noch guten Humor, aber auch weil da mehr dran ist, als die meisten wahr haben oder sehen wollen.
am 30. März um 18:43 Uhr
GM-F1:
Ganz einach. Geanuso, wie es möglich ist, daß bestimmte Fahrer (Schumacher in den ersten Benetton, Webber u. Alonso im Minardi, Alonso im jetzigen Renault, ect)die Autos durch ihr Können besser aussehen lassen, so ist es andersherum möglich, daß ein gutes Auto die Qualitäten mancher Fahrer(Massa u. Barrichello im Ferrari z.B.) aufpoliert.
am 30. März um 13:13 Uhr
asaint: Formel1 ist ein Teamsport voller Egoisten
Ein Michael Schumacher ohne Ross, Todt und Byrne wäre nicht da, wo er jetzt ist. Ein super Fahrer in einem schlechten Team braucht Glück und einen guten Ziehvater. Was mich zu Massa bringt. Massa hat das Ferrari sprich, "Monte" nicht hinter sich. Todt und Monte sind keine Freunde. Massas Vertrag kam überraschend und unerwünscht für "Monte". Kimi dagegen hat das Team hinter sich und kann die "Dinge" gelassener angehen, ganz besonders mit dem WM-Titel in der Hand. Für mich ist ganz klar, dass Massa ein solider WM Kandidat wäre, stünde ganz Ferrari hinter ihn. Er hat zu Schumis Zeiten seinen Speed gezeigt mal schneller als, meist gleich schnell, wie Schumi. FAHRFEHLER, bedenkt bitte, dass Massa die absolut schnellste Runde gefahren ist und das mehrmals. Keith Allen schreibt in seinem Blog, dass er Ferrari nicht abnimmt, dass es ein Fahrfehler war und führt spannende Gründe auf. Unter dem Titel Sepang Thoughts - Ferrari - der dritte post auf http://f1insight.madtv.me.uk/ Ich vergaß, die Formel1 ist ein lehrreicher Ort für angehende Politologen.
am 29. März um 21:54 Uhr
DrSpeed: Wow!
ResCHpekt Leute, dass ist ein Artikel nach meinem gusto. Besonders der letzte Teil hat es so richtig in sich. Mag die Kritik an dem Fireman (gefällt mir, könnte ich mich dran gewöhnen) auch berechtigt sein, als Felipe noch bei Sauber fuhr, so hat er aber seitdem auch eine Menge dazugelernt (unter anderem mit und gegen den Siebenfache im gleichen Team Ferrari zu fahren und zu siegen), wie man bittere Pillen schluckt oder wie man sich dem Teamerfolg zuliebe auch einem Iceman beugt und wenn es vor dem eigenen und frenetischem Publikum sein muss, btw. hat Felipe eine tolle & interessante Frau geheiratet. All' dass hat ihn reifer und besser gemacht. Auch das Déjà-vu-Erlebniss mit Kimi. Der Kimi der ihm schon bei Sauber die show stehlen konnte. Andere würden ganz anders reagieren, wenn sie einen alten Konkurrenten/TK wie Kimi ins eigene Nest/Team bekommen und dieser auch noch auf Anhieb gewinnt und WM wird. Felipe Massa hat dazugelernt selbst wenn er gelegentlich dazu neigt seine jungen, wilden und mutigen Eigenschaften zu leidenschaftlich auszuleben und damit auch seine Wurzeln nicht vergisst oder gar leugnet. Im Gegenteil, vielleicht werden Massa gerade seine brasilianischen Emotionen (und Gott lob, der Felipe hat noch welche!) nach nur erst 2 GPs wieder auf die Siegerstrasse bringen. Wie sagte Nico Schweinzer: in Felipe Massa steckt ein Rennfahrer der die nötigen Nerven hat, um Formel 1 Weltmeister zu werden; Iceman hin, Iceman her. Hier kommt der Fireman. That's it ..
am 29. März um 17:05 Uhr
c-ims:
In Australien hat ihn ein Motorschaden gestoppt. Die Sache mit Coulthard war vielleicht nicht ganz fair. Ist halt südländisches Temperament! Aber auf keinen Fall ein Fehler, schließlich hat's ja funktioniert. Das einzige, was Massa in den Griff bekommen muss, ist sein Gasfuß. Mit dem Wegfall der TK kommt er wohl nicht ganz klar. Die Grundschnelligkeit hat er ja, siehe die überragende Pole-Zeit in Malaysia!
Pro und Contra
Pro und Contra

Regeländerungen, Kundenchassis, Fahrerwechsel, Titelkampf - in der Formel 1-Welt wird immer kontrovers diskutiert. Die adrivo.com Redakteure beleuchten beide Seiten - Pro & Contra der aktuellen Brennpunkte.


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