Mi, 30.07.2008

DTM - Kolumne - Manuel Reuter

Gespannt auf Ralf im Neuwagen

Auf dem Nürburgring sah Manuel Reuter den Auftakt eines packenden Titelendspurts - und freut sich auf Ralf Schumacher nach einem Aufstieg zu HWA.
© DTM

Motorsport-Magazin.com - Auf dem Nürburgring haben wir eines der besten Rennen der jüngeren DTM-Geschichte gesehen. Schon das Qualifying hatte nach Wetterkapriolen und Regeldiskussionen eine brisante Basis für den Sonntag geboten – da hätte es die Fehlentscheidung bei Audi gar nicht gebraucht: Dass man auf Regen spekuliert und einige Autos auf Regenreifen starten lässt, war nachvollziehbar - mit fast allen Fahrzeugen zu pokern allerdings nicht.

Mit Tom Kristensen, Mike Rockenfeller und anderen Fahrern, die nicht in den Titelkampf involviert sind, hätte man durchaus etwas riskieren können. So jedoch war schon vor dem Start abzusehen, dass das Experiment scheitern und man mit keinem Fahrzeug mehr um den Sieg mitreden wird. Denn selbst wenn der Regen relativ rasch gekommen wäre, wären die Regenreifen nach wenigen Kilometern auf trockenem Asphalt ruiniert gewesen.

Kampfstarker Gary

Mattias und Gary haben einen Kampf an der Grenze des sportlich Vertretbaren geführt
Manuel Reuter

Trotz allem ist es schwer, von außen über die Audi-Entscheidung zu urteilen. Bei den Ingolstädtern war man nun einmal der festen Überzeugung, dass es regnen wird. Bei Mattias Ekström und Timo Scheider, bei denen es um viel geht, hat man noch vor dem Start zurückgewechselt - und konnte noch Schadensbegrenzung betrieben. Die Performance der Audi-Neuwagen stand auch auf dem Nürburgring außer Frage. Timo steht nach wie vor mit vier Punkten in der Meisterschaft vorne. Es ist enger geworden in der Meisterschaft - das kann für die DTM nur positiv sein.

Gary Paffett war wieder einmal extrem stark - und hat gezeigt, was auch mit einem Mercedes-Jahreswagen möglich ist. Seine Zweikämpfe haben dem Rennen zusätzliche Würze gegeben. Im Duell mit den beiden Audi-Piloten war die erste härtere Berührung von Mattias ausgegangen. Danach haben sich die beiden an der Grenze des sportlich Vertretbaren einen harten Fight geliefert und sich gegenseitig unter einigem Teileverlust berührt, was durchaus auch hätte schief gehen können.

Gary wurde vorgeworfen, dass er Timo ausgangs der Haarnadelkurve aufgefahren ist und ihm so die Aerodynamik am Heck beschädigt hat. Allerdings ist auch hier zu bezweifeln, dass dies eine bewusste Aktion war. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits sehr rutschig auf der Strecke, und die beiden fuhren noch auf Trockenreifen. Offenbar war Gary bereits früh auf dem Gas, Timo hingegen hatte noch nicht die nötige Traktion, um in Garys Tempo heraufzubeschleunigen. Einen Vorteil hat sich Gary durch diese Aktion nicht verschafft.

Beständiger Ralf

Schon am Start war das Scheitern des Audi-Experiments abzusehen © DTM

Ralf Schumacher hat - nahezu unbemerkt - seinen ersten Punkt eingefahren. Seine Leistung war erneut mehr als solide. Er war schon in den freien Trainings sehr stark, ist einen guten Long Run gefahren, hat sich auch im Qualifying keine Blöße gegeben. Anders als die früheren Mitglieder der Ex-Formel-1-Fraktion zeigt Ralf Schumacher auch in seiner ersten DTM-Saison keine Formschwankungen, sondern arbeitet sich beständig nach oben.

Ich bin auf seine Leistung gespannt, wenn er im nächsten Jahr ein neues Auto hat. Denn so, wie er sich entwickelt hat, ist der Neuwagen für ihn ein logischer Schritt. Bei Mercedes hat man nun ein Luxusproblem. Mit den vier aktuellen HWA-Piloten, Ralf und Gary gibt es gleich sechs Fahrer, die für 2009 ein Cockpit in einem aktuellen Boliden verdienen. Hoffen wir, dass man im kommenden Jahr mehr Neuwagen einsetzt.

Bei der Entscheidung, am Ende noch auf Regenreifen zu wechseln oder nicht, gab es kein Patentrezept. Es kam darauf an, wie viel Vorsprung man sich bereits auf den Hintermann erarbeitet hatte. Bei Bernd ist der Verbleib auf Trockenreifen aufgegangen. Er ist im Regen ein bemerkenswert starkes Rennen gefahren - und hat unter schwierigsten Bedingungen seinen Vorsprung ausbauen können.

Das war Schneider at his best
Manuel Reuter

Bernd ist im Nassen eine sichtlich andere, geschicktere Linie gefahren als die Konkurrenz, während sich Paul di Resta das eine oder andere Mal verbremste. Das war Schneider at his best - er hat seine ganze Erfahrung ausspielen können. Bernd wird aus diesem Wochenende viel Selbstvertrauen gewonnen haben. Schon in der schwierigen Qualifikation war er endlich noch einmal Schnellster in HWA-Reihen. Und vielleicht gibt es auch im Qualifying von Brands Hatch typisch englisches Wetter...

Schwächelnder Bruno

Von Bruno Spengler hätte ich auf dem Nürburgring mehr erwartet. In der Trockenphase war er schnell auf Platz fünf vorgefahren - als es nasser wurde, verschwand er wieder von der Bildfläche. Noch vor zwei Jahren hat Bruno das Rennen auf dem Nürburgring unter abtrocknenden Bedingungen dominiert. Zurzeit jedoch hat Bruno keinen Lauf - ihm fehlt es im Rennen an konstantem Speed. Unter normalen Umständen hat er mit der Meisterschaft nichts mehr zu tun. So ist es der Vierkampf zwischen Timo Scheider, Jamie Green, Mattias Ekström und Paul di Resta, der uns ein spannendes Saisonende bescheren wird.

Mattias ist in diesem Quartett der einzige Pilot mit Erfahrung im Titelkampf - doch ich glaube nicht, dass dies eine große Rolle spielen wird: Alle vier haben schon einen extremen Druck erfolgreich bewältigen müssen, um überhaupt erst in ihre jetzige Situation zu kommen. Sie erleben einen positiven Stress, der sie beflügelt. Entscheidend werden Nuancen bei den Setups sein - so auch in Brands Hatch. Es erwartet uns ähnlich wie auf dem Norisring eine extrem kurze Strecke mit entsprechend vielen Überrundungen. In einem sich zuspitzenden Titelkampf wird es dort richtig zur Sache gehen

Ihr Manuel Reuter
Artikel bewerten
kommentieren
versenden
drucken
  • schlecht
  • mäßig
  • brauchbar
  • gut
  • super

4.8

Diesen Artikel bookmarken bei...

BlinkList del.icio.us Folkd Furl Google Linkarena Mister Wong oneview Yahoo MyWeb YiGG Webnews
2 Leser-Kommentare
am 16. August um 11:38 Uhr
HBK:
Sind nicht weitere Marken im Gespräch???
am 31. Juli um 11:28 Uhr
Ringfuchs: So etwas von einem EX-DTM Fahrer
Mensch Mensch. Ich bin überrascht, das ein langjähriger EX-DTM Pilot tatsächlich Lob über die aktuelle DTM von sich gibt. Herr Reuter, Sie wissen doch ganz genau, dass die DTM längst die Spannung der vergangenen Jahre verloren hat. Was bitte schön ist hier noch spannend? Mit 2 Marken? Unsinnigen Boxenstopps, durch die jegliche Übersicht verloren geht? Blaue Flaggen für Vorjahresautos etc.? Was bitte schön hat das noch mit der guten alten DTM und ITC aus den 90ern zu tun? Sicher haben wir eine andere Zeit, aber da ist eine WTCC im Vergleich doch um Welten spannender, spektakulärer und deutlich abwechslungsreicher, nicht nur wegen der Markenvielfalt. Ich sehe keine grosse Zukunft mehr für die DTM nach jetzigem Schema. Wenn hier nicht umgehend Einiges verändert wird und nicht mindestens eine weitere Marke hinzukommt, war es das.
Manuel Reuter
Manuel Reuter

Seit 1985 ist Manuel Reuter der DTM verbunden. Später gewann er die 24 Stunden von Le Mans und die ITC. Mittlerweile ist er Markenbotschafter für Opel und Co-Kommentator bei der ARD.